Bin ich des Wahnsinns fette Beute? Kaum erfahre ich, dass ich wieder schwanger bin, wird ein diffuses Grummeln plötzlich zum eindeutigen Bauchgefühl: Das Beste, was ich jetzt machen kann, ist zu gründen. Aber warum tue ich mir das an?

Ich fühle mich heute zum ersten Mal so richtig schwanger. Schwer zu beschreibendes Gefühl, aber ich merke, dass ich nicht allein bin, ich habe dieses warme Gefühl, wie ich spüre, dass ein zweites Herz in mir klopft. Mich darauf für einen Moment zu besinnen, ist so schön.

Denn in den letzten Tagen war dafür noch kein Platz. Die erste Zeit der Gewissheit habe ich sehr viel mit Nachdenken verbracht. Das Baby war nicht mehr als ein zweiter Strich im Guckloch eines Plastikstabs. Aber jetzt spüre ich es, mein Baby, unser Baby! Das schnürt mir die Kehle zu vor Rührung und Angst.

Ich bin nämlich mitten im Umbruch: Die Elternzeit ist zu Ende und ich bin auf Jobsuche. Nach einem Eingewöhnungsabbruch und erneuter Tagesmutter/-vatersuche und erneutem Eingewöhnungsstart sind die ersten Bewerbungen rausgeschickt, das erste Vorstellungsgespräch liegt hinter mir.

Während ich also mit der Jobsuche beschäftigt bin, eine Weiterbildung angefangen habe und nebenher neue Regale fürs Wohnzimmer aufbaue und mein Tagespflege-erschöpftes Kind stille, koche und putze, fällt mir irgendwann etwas auf. Etwas fehlt. Wann hatte ich eigentlich zuletzt meine Tage?

Ich gucke in den Kalender und stelle fest: Keine Ahnung! Ich hab es mir nicht notiert. Aufgrund einer vagen Vermutung beginne ich zu zählen. Der Test am nächsten morgen bringt Gewissheit. Ich bin schwanger. Hurra!

Hurra?

Es gibt den richtigen Zeitpunkt nicht, schon klar. Aber dieser Zeitpunkt ist scheiße.

Denn schwanger auf Jobsuche zu sein ist nicht leicht – das habe ich bereits bei meinem Sohn gemerkt. Nach drei Tagen in Trance bin ich mir jetzt sicher, dass das Kind kommen darf. Und den Stress, mir Absagen abzuholen aufgrund von Mutterschaft gebe ich mir nicht. Es mag sie ja geben, die Unternehmen, die werdende Mütter einstellen. Ich halte die Stories darüber für PR-Gags. Ich wage also einen anderen Weg. Ich mache mich selbstständig.

Als werdende Zweifachmutter? Warum, zur Hölle?

Ganz einfach. Hier meine persönlichen

5 Gründe, sich in der Schwangerschaft selbstständig zu machen

1. Ich habe jetzt Zeit die Grundsteine zu legen

Jedes Haus braucht nicht nur ein Fundament, sondern auch einen ordentlichen Architekten. So braucht auch eine Selbstständigkeit einen soliden Plan. Ich habe jetzt die Zeit, meine eigene Architektin zu sein – bevor ich zu meiner eigenen Bauunternehmerin werde. Mein erstes Kind ist in Betreuung, ich habe Zeit, meine Energie nicht in Bewerbungen zu stecken, die nicht fruchten werden (weil ich mit offenen Karten spielen werde), sondern in mich selbst: Ich bilde mich weiter, ich schreibe über Themen, die mir wichtig sind, ich spreade das word. So to speak.

2. Ich will nicht warten

Ganz im Ernst, ich war lange haushaltsbasierte Mutter und ich war das sehr gerne. Ich kann aber noch mehr, als stillen, stricken und Stullen schmieren. Ich will nicht warten, bis die nächste Elternzeit vorüber ist, bis ich wieder anwenden kann, was ich mal gelernt habe. Ich bin ungeduldig! Ich hatte mich doch gefreut, wieder zu arbeiten! Also mache ich das jetzt auch!

3. Ich habe Lust darauf

Und zwar ganz tief aus meinem Inneren kommende, also innige, also intrinsische Lust, etwas zu tun, wofür ich Anerkennung bekomme – auch monetär. Denn klar bekomme ich Anerkennung für meine Care Arbeit, von meinem Mann, meiner Mutter und meinen Freund*innen. Aber bezahlen tut mich keiner dafür. Das heißt nicht, es reiche mir, wäre die Care-Arbeit bezahlt. Ich habe einfach noch mehr auf dem Kasten, und das will ich nicht verkümmern lassen.

4. Mein Bauchgefühl stimmt

Nach meinem letzten Vorstellungsgespräch bin ich mit gemischten Gefühlen nach Hause gegangen: Der Job klang spannend! Aber meine direkte Vorgesetzte warnte mich bereits im Gespräch vor unbezahlten Überstunden und einer Feedbackkultur aus dem Mittelalter. Der Vorstandsvorsitzende erklärte mir dann, was in der Stellenausschreibung mit „flexiblen Arbeitszeiten“ gemeint sei: Wenn das Kind mal krank oder der Handwerker komme, dann dürfe man auch mal ausnahmsweise ins Home-Office. Sonst sei man aber davon überzeugt: eine Online Redaktion erfordere Präsenz.

Ich weiß nicht, warum ich an der Stelle keinen Lachanfall hatte.

Bei dem Gedanken aber selbstständig zu arbeiten, stimmt das Gefühl im Bauch. Und da der Bauch als das zweite Gehirn gilt, nehme ich das ernst.

5. Selbstbestimmung

Firmen-Bootcamps aka teambildende Maßnahmen, Stechuhren, „flexible Arbeitszeiten“ und eine viel zu kalt eingestellt Klimaanlage: Adieu. Es geht mir nicht um den Schlafanzuglook vorm Rechner und soziale Isolation. Aber sehr wohl um die zeitliche und räumliche Unabhängigkeit. Ich bin durchaus ehrgeizig, aber ich möchte damit nicht verzweifelt hausieren gehen, damit mein*e Chef*in schnallt, wie wahnsinnig erfolgsorientiert aber auch teamfähig ich bin. Wenn ich an einem Marathon teilnehmen möchte, dann weil ich da Bock drauf habe und nicht, weil meine Kolleg*innen finden, dass wir für die „Health-Challenge“ noch nicht genügend Schritte auf unseren Zählern gesammelt haben, schließlich müssen wir alle das Ding doch „rocken“.

Die Freiheit, stattdessen am Nachmittag in den Zoo gehen zu können und dann Abends zu schreiben, stelle ich mir süß-schmeckend vor. Und danach gehe ich ganz sicher nicht joggen. Ich habe eine starke Abneigung gegenüber Funktionskleidung und Turnschuhen. Ich schweife ab. Die Freiheit nehme ich mir jetzt aber, Ha! Ach, und zuletzt: Ich möchte bei meinem kranken Kind sein können und mich deswegen nicht schuldig fühlen – das ist vielleicht der traurigste Grund und meine persönliche Absage an all die vordergründig familienfreundlichen Unternehmen.

Fazit

Es liest sich alles nun etwas frustriert. Das stimmt auch, ich bin sehr frustriert. Darüber, dass es wirklich keine Gerüchte sind, wenn die Unken rufen: „Bist du erstmal Mutter, ist es vorbei mit der Karriere, dann bist du nur noch die, die ständig ‚Kind-krank‘ ist“, „Wenn die aus der Elternzeit wieder kommt, legen wir ihr einen Aufhebungsvertrag vor – die kann nie und nimmer den ‚gestiegenen Anforderungen‘ gerecht werden“ und natürlich: „Uh, wie alt ist die? 32? Hat ein Kind? Pass auf, das zweite kommt, sobald wir ihr eine Festanstellung anbieten. Nee, dann lieber doch nicht“. Abgesehen von den sexistisch diskriminierenden Aspekten der gesamten Lohnarbeitschose gibt es dann ja noch die alte Metapher vom Hamsterrad. Die lass ich jetzt aber nur noch wie einen rosa Elefanten im Raum stehen. Für mich persönlich gilt ab jetzt: Bye bye Lohn und Brot in Abhängigkeit – ich mach das jetzt alleine.

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