Kurz nach dem ersten Geburtstag meines Sohnes bin ich soweit: Zwanghaft protokolliere ich sein Schlafverhalten. Ein Schlafprotokoll! Bin ich so pedantisch? Nein. Bin ich verzweifelt? Durchaus. Was steckt dahinter?

Auf dem Weg von der Küche ins Esszimmer, wo ich eine Schale Käsespätzle abstellen will, ist das Kind auf meinem Arm eingeschlafen. Es ist 12:30 und ich dachte, heute schaffen wir es: Aufstehen, Frühstücken, Spielen, Besuch bekommen, Mittagessen und danach Mittagsschlaf machen. Denn der Junge ist Frühaufsteher, ab 5 Uhr morgens ist bei uns die Nacht vorbei. Jetzt kann er nicht mehr, jetzt gibt es das Mittagessen eben erst nach dem Mittagsschlaf.

Seit der Zeitumstellung ist unser Tagesablauf völlig Banane und die gescheiterte Eingewöhnung hat auch nicht dabei geholfen, einen Rhythmus zu etablieren, mit dem wir alle zufrieden sind.

Unser Tagesablauf ist seitdem immer anders und wir lassen uns durch den Schlafbedarf des Sohnes leiten. Weil der schon so früh wach ist, wird er auch früh wieder müde, gegen 9 Uhr nämlich. Das zweite Schläfchen hat dafür immer ein scheiß Timing, kommt schlimmsten Falls gar nicht und die Nacht wird lustig. Um 19 bis 20 Uhr bringen wir ihn dann ins Bett und das ist kein Problem. Wach ist er dann trotzdem immer um 5. Auch, wenn wir ihn später ins Bett bringen.

Ich kenne niemanden, der um 5 Uhr fit (und erwachsen) ist. Ich möchte eine Stunde länger schlafen, bitte!

Die Frage ist: Was braucht es, um eine eingefahrene Struktur (oder deren Fehlen), zu verändern? Geht das überhaupt?

Um das zu beantworten stelle ich mir dazu die Frage: Warum überhaupt etwas ändern wollen, immerhin ist mit Kind doch alles angeblich immer nur eine Phase. Mit etwas Geduld wundert man sich plötzlich darüber, was man noch vor vier Wochen als unmöglich abgetan hat. Wann hört er endlich auf, sich so gegen das Wickeln zu wehren? Zack, plötzlich kommt er auf mich zu und zupft an der Windel. Ok! (Allerdings war das tatsächlich mit ein bisschen Arbeit verbunden.)

In diesem akuten Fall wünsche ich mir selbst mehr Struktur und Ordnung. Durch das Schlafchaos ist jeder Tag unplanbar und müde sind wir außerdem. Die Nächte sind okay, dank Familienbett geschuldeter unkomplizierter Stillsituation. Aber zu kurz. Es ist mein Bedürfnis nach Schlaf, das ich durch meinen Aktionismus stillen möchte.

Hängen ein (relativ) fester Rhythmus und Schlaf zusammen?

Jeder Mensch hat eine innere Uhr, den zirkadianen Rhythmus. Herzfrequenz, Körpertemperatur und Blutdruck passen sich an Tag und Nacht an – dieser Rhythmus wird definiert durch den Reiz an Tageslicht. Dadurch wird der Mensch schön müde, die Körpertemperatur sinkt und man kann schlafen, mit einer ausreichenden Menge Melatonin im System, das gegen Tag wieder abgebaut wird. Dann wird man wach. So hat jeder Mensch einen ganz individuellen Rhythmus (deshalb spricht man von den „Eulen“ und „Lerchen“), bei Kindern entwickelt sich das ganze erst nach und nach. Aber: Jeder Mensch hat außerdem einen individuellen Schlafbedarf, so auch Kinder, so auch mein Sohn. Der kann sich immer mal ändern, also macht es Sinn, herauszufinden, wie hoch der Bedarf zurzeit ist.

Das Schlafprotokoll: Wie hoch ist der Schlafbedarf meines Kindes

Liegt der zerhackstückelte Tagesablauf wirklich nur an der Zeitumstellung oder bringe ich ihn zu früh ins Bett? Braucht er tagsüber vielleicht gar nicht zwei Schläfchen? (Jetzt gerade schläft er bereits seit 2,5 Stunden – soll ich ihn wecken? Hat der nicht mal Hunger? Was ist los mit dem Kind?)

Mit dem Schlafprotokoll, das ich Remo Largos Buch „Babyjahre“ entnommen habe, fahre ich seit Beginn der Babyzeit sehr gut. Auf der Seite vom Verlag können sich die geneigten Eltern das sogar einfach runterladen. Damit schreibe ich für 10 bis 14 Tage auf, wann und wie lange das Kind schlief und rechne dann zusammen: Tag eins – 14 Stunden Schlaf, lange Unterbrechung Nachts, Tag 2 – 12,5 Stunden Schlaf, weniger Schlaf am Tag, Nachts war es ok usw. Vielleicht ist das Ganze auch eher eine Art Achtsamkeitsübung, weil ich dem Thema eine rein beobachtende Aufmerksamkeit schenke, ohne einzugreifen. Bisher hatten sich die Schlafprobleme danach fast wie von selbst aufgelöst. Daher hab ich auch diesmal große Hoffnung kein allzu arges Eingreifen folgen, sondern es bei sanftem manövrieren bleiben zu lassen.

Achtsame Schlafbeobachtung oder Exceltabellen-Romantik

Für die nächsten 10 Tage legte ich also wieder ein Schlafprotokoll an. Und siehe da – nach einer Woche schlief er plötzlich länger. Ich habe nichts verändert. Ich habe ihn nicht später ins Bett gebracht, ich habe ihn nicht vom Mittagsschlaf geweckt. Ich habe ein paar anstrengende Tage durchgestanden. Dann wurde es besser. Wenn er müde war, durfte er schlafen, war er nicht müde, war das eben so. Dabei habe ich etwas festgestellt:

Die Insgesamtdauer seines Schlafes befand sich im Wandel. Zu Beginn lagen wir noch bei etwas zwischen 13 und 14 Stunden Schlaf, abgewechselt von schrecklichen Tagen furchtbarster Laune mit nur 9 Stunden Schlaf, bis wir bei 12 Stunden gelandet waren: 10 Stunden Nachts (von 20 Uhr bis 6 Uhr) und 2 Stunden Tags (13 Uhr -15 Uhr)!

Ich schenkte dem Schlaf meines Sohnes eine nicht wertende Aufmerksamkeit für einen festgelegten Zeitraum. Mehr habe ich nicht getan. Es klingt fast esoterisch, aber ich bin davon überzeugt, dass es manchmal hilfreicher sein kann, sich dazu zu zwingen nichts zu tun, anstatt zwar den Schlaf des Kindes zu beobachten, aber dabei immer frustrierter zu werden. Das Schlafprotokoll ist für mich eine einzige Entspannung, weil ich damit vermeintlich etwas tun kann. Für krampfige Kontrollmütter ist also Excel vielleicht wirklich das Mittel zum Erfolg sich endlich zu entspannen und dadurch besser zu schlafen.

Möglicherweise lag es aber auch wirklich nur an der Zeitumstellung. Ich werde es nie erfahren. Sollte ich mich nochmal dazu veranlasst fühlen, ein Schlafprotokoll zu führen, dann werde ich das hier ergänzen.

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