Unsere Ausgangssituation: Mein Mann ist selbstständig und ich mache eine Weiterbildung und bin dabei, mich selbstständig zu machen. Unser Sohn ist endlich komplett eingewöhnt beim Tagespapa. Das hatte seine Zeit (und einen Tagespflegepersonen-Wechsel) gebraucht und endlich, endlich entwickelten wir einen Rhythmus. Bis jetzt.

Wenn etwas rumliegt, hebt man es auf. Logisch, oder?

Seitdem mein Mann und ich ein Paar sind, hatten wir immer Diskussionen um die Aufteilung in Haushalt und wer die Kohle ranschafft. Dabei war immer ich diejenige, die die Kohle rangeschafft hat. Das ging. Das Klischee packte uns bei den Hörnern als das Kind kam.

Es warf uns in einen blubbernden Teich, aus dem Blasen hervortraten und platzten. In denen stand geschrieben: „Gleichberechtigung“, „Vereinbarkeit“, „Karriere“. Wir haben eine Weile versucht, uns wie erwachsene Menschen zu verhalten. Muss ja wohl möglich sein, Haushalt, Kind und Arbeit ganz intuitiv aufzuteilen. 

Naja. Nee. Offenbar nur für eine Person im Haushalt logisch. 

Ich liebe ja Listen und Pläne in allen Lebensbereichen. So auch jetzt. Zu einem Zeitpunkt, zu dem der 200. Streit über Verantwortung, Arbeitsaufteilung, Geld und Selbstverwirklichung beinahe eskalierte, stoßen wir auf den Mental Load Selbsttest von feministmotherhood.de. Das war unsere Rettung – vor Corona.

Mein Mann war erst bockig: „Ist eh klar, dass du alles machst, ich brauch gar nichts ankreuzen.“ Das stimmte nicht, wie uns der Test zeigte. Ich hab auch in diesem Augenblick keine Ahnung, ob wir neues Katzenstreu brauchen oder nicht.

Mit dem Test wurde sichtbar, was sonst in unseren Hinterstübchen verborgen lag: Gummistiefelgrößen, Geburtstagsgeschenke, Reiseplanung, Altersvorsorge, Steuer, Wohnzimmerdeko und so weiter. Wir gingen die Liste durch und machten uns einen Plan.

Disziplin zur Routine und alles wird gut, oder …

Alle täglich, wöchentlich, monatlich und jährlich anfallenden Aufgaben teilten wir 50:50 auf und notierten uns die Aufgaben im Kalender. Durch die Kinderbetreuung war Zeit zum Arbeiten und für den Haushalt hatten wir feste Tage vereinbart. Ungelogen eine Woche nachdem wir damit anfingen, gingen wir in Quarantäne. Ich wurde krank. Wir stehen wieder am Anfang.

Die soziale Isolation selbst finde ich (noch) nicht schlimm. Wir gehen raus in den Park oder in den Wald. Über Beschäftigungen mit Kleinkind in Krisenzeiten hatte ich mir Gedanken gemacht und fühlte mich gewappnet. Wofür ich nicht gewappnet war, ist ein anderer Aspekt:

Unser Rhythmus ist futsch, die Arbeit, die das Geld ranschaffen soll, hat Vorrang. Jetzt liegt meine Weiterbildung auf Eis und zack, da ist es: Das Zuständigkeitengefälle. Was wiegt mehr? Die Care-Arbeit, die Lohnarbeit oder die Vorbereitung auf künftige Lohnarbeit? Und dann wurde ich invalide.

… ich ertrinke im Mental Load und mein Mann in schlechtem Gewissen.

Der Witz an den Listen zur besseren Sichtbarkeit des Mental Load ist, dass sie im besten Fall dazu anregen, etwas an der Schieflage zu ändern: Aber nur dann, wenn beide Partner das wirklich wollen, klappt das auch. Um eine spürbare Veränderung herbeizuführen, muss die neue Lebensweise eine Weile laufen. Der ganze blöde Schnodder muss habituell laufen, so zäh es sein mag. Es muss auch laufen, wenn sonst die Welt stehen bleibt. Ich merke deutlich: Wir sind noch nicht so weit. 

Nach einer Woche Invalidität (in der ich nichts tat, außer zu kochen am Abend und das brauche ich wirklich für meine innere Stabilität und meinen Podcastkonsum) gucke ich mich in der Wohnung um und sehe: Chaos. Das Kind ist versorgt und gut drauf und das ist die halbe Miete, ok. Aber die Anträge, um Miete zu zahlen, sind nur in meinem Kopf halb ausgefüllt. Bevor ich anfangen kann zu kochen, muss ich erst mal die Küche aufräumen. Bevor ich den Fußboden wischen kann, müsste ich saugen. Bevor ich saugen kann, müsste ich aufräumen. Bevor ich die Wäsche waschen kann, müsste ich erst die vollen Körbe mit trockener Wäsche leeren und die Wäsche einsortieren. 

Ich denke es ist deutlich: Alles, was in meinen Zuständigkeitsbereich fällt, ist abhängig von seinem. Entweder unser System ist scheiße und wir brauchen ein anderes. Oder wir versuchen, uns erst einmal an unser gerade ausgeklügeltes System zu halten – trotz Krise. Ehrlich: Lohnarbeit gibt es gerade keine. Wir können unsere gesamte Energie auf ein harmonisches Zusammenleben richten und uns feste Zeiten im Tagesablauf geben, um auch für uns selbst was zu schaffen. So lange, wie ich den Alltag regele, habe ich keine Kapazität für weitere Arbeit als die Care Arbeit. 

Ich möchte gerne wieder Geld verdienen, Arbeit macht mir Spaß …

Ein ehemals sehr guter Freund von mir bemängelt gern, dass ich – seit ich Mutter bin – nicht mehr die Alte bin: „Wo ist die feministische Miriam geblieben?“ fragt er, weil ich so lange zu Hause bleibe, so als wäre Mutterschaft ein Ausschlusskriterium. Ich weiß, welchen Eindruck das von außen macht. Solche Äußerungen wären mir völlig hupe, wenn ich mir die Situation selbst ausgesucht hätte. Das wäre eine selbstbestimmte Entscheidung gewesen. Ich wäre froh. Ich würde auf solch kurz gedachte Frustäußerungen pfeifen. Ich hab es mir aber nicht ausgesucht und es frustriert mich. Die Situation zu ändern, dauert, denn Fakt ist: Alles dauert länger, wenn ich es alleine mache.

Wie lange muss ich noch zurückstecken, bis ich endlich wieder das Gefühl habe, mehr zu können, als mir Beschäftigungen für Kleinkinder auszudenken? Das soll nicht heißen, dass das nichts wert sei. Es ist wichtig und aufwändig. Mein Respekt gilt allen, die das beruflich machen! Meine Geduld hängt aber an losen, seidenen Fäden all der ungewaschenen Wolle/Seide-Bodys, die im Badezimmer auf mich warten, damit ich sie dort bürste, stopfe und sanft durchs Wasser bewege. 

… und ich warte nicht auf bessere Zeiten.

Ich weiß, wir können nicht darauf warten, dass eine geregelte Kinderbetreuung uns mehr Flexibilität schenkt. Das Kernproblem ist da – ob mit Tagespapa oder ohne. Wir müssen gemeinsam einen Weg finden, den Tag so zu strukturieren, dass eingefahrene Verhaltensmuster sich nach und nach auflösen. Krise hin oder her. Kern des Problems ist nicht, dass mein Mann sich weigert, sich zu beteiligen. Kern ist eher, dass er nicht gelernt hat, mitzudenken. Helfen kann uns dann vielleicht doch ein Rhythmus. Ein neuer eben.

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