Die Krisenzeit ist keine Chance mit viel Zeit, sich zu optimieren. Es ist aber auch nicht die Zeit, alles zu verteufeln, was nach einem „Projekt“ aussieht und die Leute in Social Media teilen. Hinter dem Aktionismus kann mehr stehen als das instagramsche Wettbewerbsdenken. Es folgt eine Auseinandersetzung mit meinem Schuldgefühl, ein Bett bauen zu wollen.

Ich empfinde es als geschmacklos, und als moralisch höchst zweifelhaft in Corona eine Chance zu sehen. Besonders ekelt es mich ein bisschen, wenn Life-Coaches propagieren, die Krise als Chance für die Selbstoptimierung zu bezeichnen: Jetzt ist endlich die Zeit gekommen, sich neu zu erfinden, Projekte voranzutreiben, eine Diät zu machen für den Super-Sommer-Body oder einfach endlich „mehr Spiritualität wirklich zu leben“ und zum Higher Self zu gelangen und dafür dann einen Kurs zu buchen, obviously.

Die Kritik daran hat nur leider offenbar die Folge, dass sich ein gewisses Bashing gegen alle eingestellt hat, die in Sozialen Medien ihre „Projekte“ teilen. Kaum sagt jemand „Omm“, schon schallert ihm „check your privilege“ um die Ohren. 

Wir bewegen uns hier in einem Zustand zwischen moralischer Disqualifikation und Vernunftpanik und dort macht sich Verunsicherung breit.

Ich kann der Krise nichts abgewinnen. Ich nutze aber die Zeit. Wo stehe ich?

Irgendwann im Januar beschlossen wir, die Raumaufteilung in unserer 3-Zimmer-Wohnung neu zu gestalten und das kleinste Zimmer zum Schlafzimmer zu machen. Zu dem Zweck wollen wir dort einen Podest einbauen, weil: das Schlauchzimmer ist so endlos lang, egal wie wir es einrichten, es sieht immer so aus, als würden die Möbel für irgendetwas anstehen. 

Schlechte Voraussetzungen sind von Anfang an vorhanden: Wir sind alle drei handwerklich eingeschränkt (im Können und Wollen). Marcus kann mehr, als er will, ich will mehr, als ich kann (ein paar Sachen will ich aber auch nicht) und der Sohn will und kann erstaunlich schwere Hocker tragen, hat aber zu kleine Hände für 3 m lange Dachlatten. Als treibende Kraft dieses Projekts schob ich es monatelang auf, mit aller Kraft (es war ja immer irgendwas). Schieben ist schwer. Die Arbeit wird ja nicht weniger.

Man möchte meinen, wir haben jetzt endlich mal so richtig schön viel Zeit für dieses Projekt

Ich finde die Planung anstrengend. Mein räumliches Vorstellungsvermögen ist praktisch nicht vorhanden. Die Vorstellung, beim Baumarkt Material abzuholen stresst mich. Es stresst mich auch, dass wir das Material in die Wohnung tragen müssen, wenn wir es uns liefern lassen. Ich habe auf das Prozedere keine Lust. Wie viele Schrauben brauchen wir? Keine Ahnung. Ich will mir keine Gedanken machen, ob wir nun eine Treppe reinbauen oder nicht. Aber ich will, dass unser Platzproblem im sechs Meter langen Raum der Schande der Vergangenheit angehört. Ich zwinge mich zu Ehrgeiz. Ich habe ein 1A Pinterestboard wunderschöner Schlafzimmer. Ich werde sowas von unseren Kleiderschrank in Kreidefarbe ertränken, er wird matt leuchten, in sage und er wird wunderschön. Ich muss mich nur zwingen.

Ach. Ich würde gern das Bild einer entspannten Kreativmutti vermitteln, aber ich bin ehrlich: Meine Dekoleidenschaft findet vor allem in meinem Kopf statt. Es hapert an der Umsetzung, begonnen beim Einkauf von Utensilien. Entweder es scheitert bereits dort, oder der ganze Kladderadatsch liegt für sehr lange Zeit in einem Schrank.

Wem will ich eigentlich was beweisen?

Immer wieder lese ich von dem Druck, den nice Instagramaccounts den Menschen vermitteln, sodass die sich minderwertig fühlen. Nie im Leben beziehe ich das auf mich. Instagram ist kein Ort des Neids für mich. Viel schlimmer ist doch das real life! Überall im Internet kann ich alles, was gezeigt wird, genau darunter verbuchen: Ich sehe nur, was die Leute zeigen. Ich schiebe die von meinem Sohn großzügig auf dem Boden verteilten 100 Wattestäbchen doch auch mit dem Fuß beiseite, wenn ich ihn fotografiere.

Wenn ich aber bei echten Menschen aus meinem richtigen Leben erstmals zu Gast bin und dann in der Wohnung stehe und denke: what the FAQ? Wie machen die das? Die arbeiten doch Vollzeit und haben 25 Kinder, warum sind die sorbischen Ostereier am Forsythienstrauch mit der Hand bemalt? Ein scheiß Gefühl von ich hab mein Leben nicht im Griff stellt sich ein. Sofort nehme ich mir vor, dieses Jahr die Ostereier mindestens mit Zwiebelsaft und Strumpfhose zu färben. 

Der Druck, der auf uns Müttern (oder Frauen, kleinen Jungs, Mädchen, Bodybuildern, Einradkünstlern, …) vom bösen Internet ausgeübt wird, ist auch ohne soziale Medien vorhanden. Jeder Marktplatz, jedes Klassenzimmer und jedes Großraumbüro bieten zahlreiche Möglichkeiten für uns alle, uns möglichst scheiße zu fühlen. Gehört das Höherschnellerweiter zur Natur des Menschen oder ist das nur ein Gesicht des Kapitalismus?

Ich frage mich: Wem will ich beweisen, dass ich eine kreative Anpackerin bin? Ein bisschen schon allen anderen. Denn: Wenn die das glauben, glaube ich es auch. Wenn ich an mich selber glaube, ist das doch was Gutes, oder? Ist das schon Selbstoptimierung, wenn ich mir den Ehrgeiz einrede, eine drei Meter lange Holzkonstruktion planen und umsetzen zu wollen?

Selbstoptimierung ist nicht zu verwechseln mit Selbstfürsorge

Etwas bauen oder basteln ist eine Aktivität und manchmal brauche ich eine Aktivität, einfach nur etwas, mit dem ich ein bisschen Selbstwirksamkeit spüre. Kinder brauchen dieses Gefühl, um Frustrationstoleranz zu entwickeln. Das positive Gefühl hilft, am Ball zu bleiben: Ich übe und übe und es will mir nicht gelingen. Aber dann, plötzlich, holterdipolter sind genügend Muskeln aufgebaut und Hirnverzweigungen entwickelt und ich schaffe es, mich endlich ganz alleine und ohne Hilfe aufzusetzen, aufzustehen, zu laufen, die Klötze in die richtigen Öffnungen vom Sortierwürfel zu stecken. Juhu!

So geht es uns Erwachsenen auch. Das fühlt sich gut an: Ich hab das gemacht, ganz alleine! Darauf bin ich stolz, das kann jeder sehen. Selbstoptimierung ist nur die extended version von simplen Aktivitäten, die einfach guttun und normal sind. Ich finde, Selbstoptimierung ist die Verkommerzialisierung von nicht messbaren, weil total subjektiven Empfindungen wie Glück und Zufriedenheit. Was sich obendrein auch völlig kontraproduktiv auswirken kann:

Denn wenn man das Ziel der Selbstentwicklung in den Mittelpunkt der gesunden, normalen und effektiv funktionierenden Persönlichkeit stellt, führt dies faktisch zu einer Vielzahl permanent ungesunder, anormaler und dysfunktionaler Persönlichkeiten. [ … ] Die Individuen fühlen sich womöglich überfordert von dem Gebot, ständig ihre Taten, Gedanken und Gefühle daraufhin beurteilen zu müssen, ob sie zu diesem flüchtigen Ziel beitragen.

Eva Illouz und Edgar Cabans in: Das Glücksprinzip und wie es unser Leben beherrscht. Suhrkamp 2019.

Aber who cares, es verkauft sich gut.

Ich brauche Aktivitäten oder Projekte, weil ich sonst Gefahr laufe, in Lethargie stecken zu bleiben. Jetzt noch mehr als ohnehin im verlängerten Winter, der da März heißt, und der schlimmste Monat ist.

Meine Angst, mit einem Podestbettprojekt in eine Ecke gestellt zu werden mit Propagandisten der guten Laune hat vielleicht mehr mit Vermeidungsstrategien zu tun als mir lieb ist.

Die Krise ist nicht der dringend benötigte time slot in meinem busy lifestyle, um endlich die perfekte Wohnung zu stylen und in shape zu kommen für dann, wenn die Schwimmbäder (hoffentlich) aufmachen. Die Krise ist eine sehr dunkle Zeit, in der es für mich und viele andere Menschen schwierig ist, nicht noch mehr Mut und Hoffnung zu verlieren. 

Mut und Hoffnung verlieren kann ich auch, wenn ich mich zu viel mit anderen vergleiche, klar. Die Erfolgsdarstellungen anderer Menschen sollen mich aber jetzt an nichts hindern. Es ist verdammt schwer, sich selbst zu motivieren und es ist einfacher für mich, nichts zu machen, wenn immer wieder diejenigen, die etwas tun und darüber reden dafür verurteilt werden. 

Deswegen ist es für mich wichtig zu differenzieren: Ich brauche die Aktivitäten, DIY-Projekte oder Sport nicht, um auch eine Medaille im optimal sein zu bekommen. Ich brauche ein Ziel, um nicht verrückt zu werden. Aktiv sein und Erfolge für sich verbuchen ist ein wirksamer Teil aus dem Bausatz der kognitiven Verhaltenstherapie. Manche Menschen machen das einfach immer so, die haben Glück. Manche Menschen müssen sich dazu zwingen. Ein schlechtes Gewissen stellt sich schnell ein, besonders bei denen, die dazu neigen, Schuld immer bei sich und nicht bei anderen zu suchen.

Ich halte fest: Ich halte nichts davon, der Krise etwas abzugewinnen. Ich halte aber auch nichts davon, alle zu verurteilen die das (vermeintlich) versuchen. Ich nutze abschließend mal mein Privileg, meine Privilegien zu checken.

Zum Schluss also mein Privilegien-Check

Ein DIY-Projekt ist ein Privileg: Ich habe erspartes Geld für das Material und genügend Zeit, weil ich gerade nicht arbeiten muss. Ich muss nicht arbeiten, weil ich ALG 1 bekomme tbh. Deswegen ist auch mein „Einkommen“ gesichert (for the time being). Kein Privileg ist mein mentaler Zustand, den ich hart beackern muss und der angesichts sozialer Isolation schlechter wird. Ich weiß aber: aktiv sein hilft. Erfolge für sich verbuchen ist gut und erlaubt. Es ist normal, wenn ich es mag, wenn jemand gut findet, was ich tue. Ich brauche kein Mitleid, sondern nur jemanden, der sagt: Cooles Bett, bestimmt voll gemütlich.


Ein kleiner Tipp zum Schluss für alle, denen es gerade auch schwerfällt, handlungsfähig zu bleiben: Das iFightDepression-Tool der Deutschen Depressionshilfe ist momentan mit vereinfachtem Zugang verfügbar. Ich weise aber darauf hin, dass es sich ausdrücklich an Menschen mit leichten Depressionen richtet. 

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.