Letzte Nacht träumte ich, dass jemand für mich Blätter presst und ich bin dafür total dankbar. Was für ein seltsamer Traum. Möchte ich irgendetwas aus diesen Tagen konservieren? Soll ich einen Text schreiben, wie dankbar ich gerade bin? Oder fühle ich mich unter Druck und bin froh, wenn irgendwer mir die Last abnimmt?


Ich sinniere also und sitze an meinem Arbeitsplatz, bin ein bisschen dankbar. Endlich stehen die Bäume hinter dem Fenster wieder in grünem Laub. Ich trinke meinen Kaffee aus meiner Lieblingstasse: ein Moment zum Festhalten. Und dann fällt mir eine Last ein, die sich manchmal auf meine Brust legt und mich niederdrückt, wenn mir klar wird: Ich habe Verantwortung für die Bedürfnisse meines Kindes und ich kann sie nur dann gut erfüllen, wenn ich für mich selbst Verantwortung übernehme. Wie furchtbar schwer das ist, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen gar nicht kenne.

Eines der wichtigsten Wörter, die mein Sohn in der letzten Zeit lernt zu sagen ist: „Heiffe!“ (Scheiße). Ich finde das richtig gut. Mir geht es nämlich oft so, dass ich mich nicht traue zu sagen, wenn ich etwas richtig scheiße finde. Andere könnten ja denken, dass ich scheiße bin.

Ich möchte, dass mein Kind frei aufwächst und lernt zu sagen, was es denkt

Ich möchte, dass mein Kind sich traut, für sich selbst einzustehen – egal, was andere denken. Ich möchte, dass mein Sohn lernt, Nein zu sagen und vor allem, dass er lernt, das Nein anderer zu akzeptieren. Wir sind seine Vorbilder – zurzeit auch die einzigen sozialen Kontakte, die er hat. Es gibt keinen Ausgleich und keinen Vergleich. Nur uns. Umso wichtiger, dass wir darüber nachdenken, was wir vermitteln wollen. Besonders, wenn es um so Grundlegendes geht, wie Kraftausdrücke.

„Wenn die emotionalen Grundbedürfnisse nicht erfüllt worden sind, verschwinden sie im Allgemeinen nicht einfach, wenn wir älter werden. Vielmehr versuchen wir vielleicht immer noch, sie zu befriedigen, oft auf indirekte und komplizierte Weise. Dieses Bemühen erfordert manchmal eine erschöpfende, fast ständige Konzentration auf uns selbst, um zu beweisen, dass wir wirklich schlau oder attraktiv oder liebenswert sind. Darüber hinaus stellen die Menschen, die das Bedürfnis haben, dass wir uns auf sie konzentrieren, vor allem unsere Kinder, möglicherweise fest, dass wir ihnen emotional nicht zur Verfügung stehen. Denn wir sind zu sehr mit dem Versuch beschäftigt, das zu bekommen, was uns fehlt.“

Alfie Kohn in: Liebe und Eigenständigkeit. Arbor-Verlag 2010.

Alfie Kohn führt übrigens weiter aus, dass Eltern, die ihre eigenen Bedürfnisse zu sehr in den Vordergrund stellen, ihren Kindern gegenüber weniger Akzeptanz entgegenbringen. Sie unterstellen ihnen dann oft, ihr Fehlverhalten geschehe „mit Absicht“. Das anzuerkennen finde ich wichtig, soll aber nicht dazu führen, die eigenen Bedürfnisse vollständig auszublenden. Wir bleiben Vorbilder. Eine Balance zu finden ist wie immer der Schlüssel.

Das ist also unsere kleine Wanderung: Marcus, der Junge und ich, wir haben Grenzen. Und wir versuchen, die Grenzen des jeweils Einzelnen zu erkennen und zu akzeptieren. Das Erkennen ist schwer, denn:

Weder Marcus noch ich lernten je, unsere Grenzen und Bedürfnisse a) selbst zu erkennen und haben dadurch natürlich Schwierigkeiten sie b) zu verbalisieren. Richtig blöd, denn hätten wir jeweils frühzeitig gesagt: „Stopp! Das möchte ich so nicht, weil …“ hätte der ein oder andere Streit (hoffentlich) nie stattgefunden. Anstatt dessen ärgerten wir uns in passiv aggressiv formulierten Phrasen so lange, bis die Situation eskalierte.

Manchmal fällt uns erst dann auf, dass der Grund für einen Streit eine Grenzüberschreitung war, wenn wir schon mitten drin sind

Schöne und unendlich viele Beispiele dafür kann ich aus den unerschöpflichen Tiefen des Zauberzylinders der Mental-Load-Thematik ziehen. Eines davon ist dieses:

Wir teilten ja neulich bereits unsere Aufgaben zu 50:50 auf. Während ich nun jeden Abend das Essen koche, ist es Marcus‘ Aufgabe, die Küche aufzuräumen. Ich kann aber nur dann rechtzeitig anfangen zu kochen, wenn in der Küche auch Platz dafür ist. Marcus räumt aber lieber dann auf, wenn es für ihn in den Tagesablauf passt, in irgendeinem time slot zwischen dem Care und dem Lohn und dem Schreiben. Mich nervt das tierisch, denn das Abendessen kann ich nicht irgendwann kochen, das muss fertig sein, bevor der Junge zu müde ist. Bedürfnis Junge: Hunger, Schlaf. Bedürfnis Mama: Ordnung. Wunsch Mama: Rechtzeitig mit dem Kochen anfangen zu können.

Marcus‘ Problem ist, dass er plötzlich mit sehr viel mehr Aufgaben konfrontiert ist, als je zuvor. Er muss so viel gleichzeitig bedenken und umsetzen, dass er erst herausfinden muss, wie er das managt. Viele Dinge, die bei mir längst ganz automatisch ablaufen, sind für ihn neu: Wie stellt er es an, dass das Kind beschäftigt und zufrieden ist, das Mittagessen in the making und die Wohnung so vorbereitet, dass die anderen Teamplayer nicht stolpern? Für mich an seiner Stelle total logisch: Am Abend räume ich die Küche so auf, dass ich am Morgen möglichst wenig Arbeit habe und ich im Laufe des Tages alles, was anfällt, einfach fix in die Spülmaschine stellen kann.

Der Hinweis darauf führte zu einem Streit der Sonderklasse.

Wie war das möglich?

  • Ich sprach nicht unbedingt sofort und sachlich aus, was mich stört, sondern fing laut klappernd an, die Küche aufzuräumen, weil ich kochen wollte. Ich war passiv aggressiv.
  • Marcus registrierte das nicht. Oder er ignorierte es, weil er sich (berechtigt) angegriffen fühlte. Er hatte ja immerhin vor, die Küche aufzuräumen.
  • Ich beschloss, doch was zu sagen, aber mein Ton war nicht so nice. Ich wollte sachlich und freundlich sagen, dass es besser wäre, wenn usw.
  • Er rechtfertigte sich.
  • Ich: ich gebe dir ja nur Tipps, wie es besser wäre.
  • Er rechtfertigte sich und sagte, er muss es ja noch lernen.
  • Ich: Deswegen gebe ich dir Tipps, ich verstehe nicht, warum du das nicht annehmen kannst.
  • Er rechtfertigte sich dafür.
  • Ich wurde sauer, weil ich mich wiederholte.
  • Er lenkte ein und sagte, dass er in Zukunft die Küche abends einräumen wird.
  • Ich räumte weiter auf, war noch angepisst, aber freute mich, dass er jetzt verstand, wie es besser wäre und war froh, dass wahrscheinlich innerhalb der nächsten 10 Minuten mein Puls …
  • Er kommt in die Küche und rechtfertigt sich doch noch mal.
  • Ich flippe aus.

Es folgte ein Meta-Streit: Ein Streit über unseren Streit, weil ich mich verletzt fühlte, da er doch sehen müsse, dass ich immer wütender werde und er trotzdem auf etwas herumreitet, was längst geklärt ist. Wollte er mich provozieren? Nein.

Marcus hatte das Bedürfnis, gesehen zu werden. Er bemühte sich, alles richtig zu machen. Das sollte ich anerkennen.

Bis wir herausfanden, was unsere eigentlichen Bedürfnisse und Wünsche hinter all dem Schlammassel waren, waren wir völlig erschöpft und kurz davor, den Scheidungsanwalt zu rufen. Richtig scheiße.

Manchmal möchte ich das Fenster öffnen und so laut S C H E I S S E rufen, wie ich nur kann!

Aber das macht man ja nicht. Stattdessen soll man regelmäßig Sport treiben, meditieren und einfach mal dankbar sein, für all die kleinen und großen Dinge.

Es fühlt sich manchmal an, als wären all die Tipps von Mental-Coaches (die ich ja gefressen habe, ehrlich), nur eine Methode, die Wut, Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit der Menschen leiser zu drehen. Eine Ruhigstellungsmethode.

Das triggert mich. Weil ich mein Leben lang das Gefühl hatte, zu laut zu sein. Wurde ich wütend, war das nicht richtig – egal ob berechtigt oder nicht. Es war für alle wichtig, dass ich mich schnell wieder „einkriege“ – offenbar war meine Wut schwer zu ertragen. Und ich hatte eine Menge Wut als Kind und als Teenager, die sich bis heute unberechenbar (um nicht zu sagen unverhältnismäßig) explosionsartig entlädt.

So war und ist das mit der Wut. Geblieben ist die Angst, dass meine Mitmenschen mich nicht ernst nehmen. Und das Gefühl, zu viel Verantwortung zu schultern: Ich bin dafür verantwortlich, wie sich alle anderen fühlen, ich bin verantwortlich, dass es allen gut geht, ich bin doch Vorbild! (Ich bin die älteste von drei Schwestern und meine Vorbildfunktion habe ich irgendwann in der Pubertät so gut ich nur konnte ignoriert. Geblieben ist ein in mir verwachsenes schlechtes Gewissen und jetzt bin ich fertig mit der Selbstdiagnose.)

Ich will sagen: Es gibt so Vieles, das einfach scheiße ist. Das muss jeder auch benennen dürfen. Scheiße ist ein schönes, starkes und wichtiges Wort. Ich möchte, dass sich mein Sohn ernst genommen fühlt. Auch jetzt schon, so mini klein er noch ist. Sein Nein zählt! Und seine Wut zählt. Und auch mein Nein zählt. Und das von Marcus auch. Und Wut ist nichts Schlechtes. Wir lernen daraus.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.