Die eigene Angst ownen: So begegnen wir den Sorgen vor der Zukunft und vor der Krankheit. Denn Angst haben ist okay und normal – das dürfen auch unsere Kinder wissen. Ich habe mit der Diplom Psychologin und verhaltenstherapeutischen Psychotherapeutin Claudia A. Reinicke darüber gesprochen, wie wir den Folgen des Lockdowns begegnen können und warum wir vor Angst nicht gleich in Panik geraten brauchen.

Claudia, du hast 5 Kinder und arbeitest selbstständig von Zuhause aus. Wie lange machst du das schon so?

Von Anfang an. Mit dem Fuß tippte ich immer die Wiege an, in der mein neugeborener Sohn lag, während ich meine Diplomarbeit schrieb. Das Bild hat sich eingebrannt. Als ich noch zur Schule ging dachte ich ja: Eigene Praxis, Familie und am besten alles in einem eigenen Haus – das ist utopisch. Aber genauso ist es gekommen. Als mein Sohn drei Monate alt war, hielt ich meinen ersten Vortrag. Ab da hat sich mit den Kindern und der Arbeit alles nach und nach zusammengefügt: meine größte Tochter kam damals in der Kraxe mit auf Vorträge. Mit allen Kindern gab es solche Situationen und es gab nie Probleme. Ich glaube das ist ein wichtiger Punkt, wie man in die Situation reinwächst. 

Du kennst es also gar nicht anders. Was würdest du aber einer Mutter raten, für die das neu ist und die jetzt Angst vor den Folgen des Lockdowns oder vor der nächsten Krankheitswelle hat?

Ich kenne die Situation auch. Nicht immer war eine externe Betreuung gewährleistet. Dann musste ich immer genau überlegen, wie ich meine Arbeit organisiere und wie ich dabei die Kinder beschäftige, denn mein Mann war zum Arbeiten immer außer Haus.

Zwei Dinge sind jetzt zentral: Erstens Strukturen, die vorher vorhanden waren prüfen und anpassen und zweitens das akut entstandene Stresslevel senken.

Foto: Claudia A. Reinicke

Das Wichtigste ist die Struktur – die vorher oft nicht oder die einfach ganz anders war. Jetzt muss man alles neu strukturieren und außerdem darauf achten: Was habe ich für ein Kind, was braucht das? Allerdings sollte man jetzt darauf achten, sich von den Bedürfnissen der Kinder (die natürlich ihre Legitimation haben) nicht überwältigen zu lassen Vielmehr sollte man liebevoll und konsequent sein, um auch die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, bevor es zum Zusammenbruch kommt. Kinder sind davon überfordert, wenn sie zu viel selbst bestimmen. Deswegen sollten die Eltern versuchen eine Struktur wiederherzustellen, aber nicht von oben herab alles runter zu dirigieren.

Und wenn plötzlich gar nichts mehr geht?

 In der Extremsituation muss man erstmal eine Variante finden, das Feuerwerk im Gehirn wieder zu drosseln. Denn dann befindet sich das Gehirn im Notmodus: „Fight and Flight!“, es ist völlig überspannt. In so einer Situation kann niemand mehr richtig denken, man verfängt sich in Horrorszenarien. Ich empfehle schon seit vielen Jahren aus tiefster Überzeug das Klopfen nach der PEP-Methode von Michael Bohne. Das Klopfen hilft dabei, die Aktivität im Hippocampus runterzufahren. Das ist das Areal im Gehirn, wo sich die Emotionen und das Unbewusste abspielen. Wenn dort Theater ist, feuern die Nerven von dort bis rauf in den Cortex, wo sich das „Denken“ abspielt.

Was ist Klopfen mit PEP?

Das kennt ja sicher jeder: Wenn man maximal angespannt ist, fällt einem nichts mehr ein. Die tiefer liegenden Hirnstrukturen, also die im Hippocampus befindlichen Emotionen, haben immer Vorrang. Wenn da nichts mehr geht – geht gar nichts mehr. Mit dem Klopfen kann ich diese in den Cortex schnellenden Nervenbahnen beruhigen. Ich nehme den Stress immer noch war – aber ich bleibe handlungsfähig. Dann bleibe ich rational, weil der Cortex wieder mitspielt. Ich fühle mich entspannter, ich kann wieder denken. In meinem Buch „Klopfen mit Kindern“ habe ich das so beschrieben, dass jede*r darin eine einfach Anleitung für unterschiedliche Situationen mit Kindern findet und zeige, was die Eltern tun können, um nicht selbst in die Luft zu gehen.

Die erste Krankheitswelle ebbt gerade ab, Lockerungen sind spürbar – die Zukunft trotzdem ungewiss. Welche Langzeitfolgen der Krise siehst du und welche Rolle spielt dabei die Angst?

Es kommt darauf an, wie wir uns jetzt verhalten. Denn die Panik, die momentan über die Folgen des Lockdowns verbreitet wird, ist absurd. Ich habe den Eindruck, wir haben in Deutschland ein ganz grundlegendes Problem, eine gesellschaftliche Grundangst, die sicher auch in der Historie begründet liegt. Das wirkt sich aus, wie ein Prinzip: So wird hinter einer Maskenpflicht direkt eine Diktatur vermutet, sofort wird Panik vor einer Impfpflicht verbreitet. Auch durch die Forderungen, dass Kinder eine angstfreie Umgebung brauchen, entsteht aus dieser Unsicherheit heraus. Eine angstfreie Umgebung entsteht aber nicht automatisch durch einen Verzicht auf Masken. Oder würde sich irgendjemand von einem Chirurgen ohne Mundschutz operieren lassen? Die Masken tragen zu unserer Sicherheit bei! Und Sicherheit ist es, die wir unseren Kindern vermitteln müssen. Das eigentliche Problem ist doch: Zu einem sehr hohen Prozentsatz läuft Kommunikation nonverbal ab – und die großen Ängste übertragen wir auf diese Weise auf unsere Kinder. 

Wir können also unsere Angst auf unsere Kinder übertragen – wie können wir es besser machen?

Für unsere Kinder wäre es hilfreich, wenn wir ihnen ein entspanntes Verhältnis zur Situation vermitteln, Verantwortung übernehmen, aber auch authentisch sind. Angst heißt nicht, dass wir alle durchdrehen müssen. 

Meine Kinder erzählen heute oft, wie sie, als sie noch klein waren, einmal große Angst vor einem Gewitter hatten. Da haben sie sich zu viert zusammen ins Bett gekuschelt und eine Milchflasche mitgenommen. Die ging dann reihum. Heute sind sie über 20 und haben eine schöne Erinnerung an Angst!

Angst ist also nicht per se schlecht?

Beim Umgang damit ist das Stichwort „Resilienz“ grundlegend, um mit schwierigen Situationen umgehen zu können – langfristig. Aber, um das zu stärken gehört ein ehrlicher Umgang mit den eigenen Gefühlen. Ja: Angst ist da, aber Angst gehört zum Leben dazu und ich halte das aus. 

Ich kann und darf meinem Kind ehrlich sagen, dass ich auch nicht weiterweiß, dass die Zukunft ungewiss ist. Aber dass ich für es da bin– egal was passiert. Dazu gehört auch, Verantwortung zu übernehmen und zu schützen.

Das heißt, man übernimmt für sich und die Kinder Verantwortung, auch für die Gefühle meiner Kinder. Wie geht das?

Ich bin durch die Folgen der Chemotherapie während meiner Krebsbehandlung vor vier Jahren selbst relativ hoch gefährdet. Ich habe meinen Kindern gesagt, sie sollen darauf achten, Abstand zu halten und sich nicht mit vielen anderen Jugendlichen im Wald treffen. Sie fanden, dass ich Panik verbreite mit meinem Verbot. Aber ich habe ihnen gesagt: Nein, ich betreibe Vorsorge. Es handelt sich dabei um Maßnahmen, mich und andere zu schützen, ohne die Last der Verantwortung auf die Schultern meiner Kinder zu übertragen. Hier übernehme ich Verantwortung, wenn ich das verbiete. Ich schütze mich. Denn meine Kinder haben nicht die Verantwortung mich zu schützen. Ich setze die Grenze, ohne sie mit Kontrollzwang zu verbinden. 

Ich sehe in vielen Familien, dass sie keine klaren Grenzen und Regeln aufstellen. Dabei nehmen wir unseren Kindern eine große Last, wenn wir Grenzen setzen. Denn muss ein Kind zu viele Dinge selbst entscheiden, kann das zu Überforderung führen. Zwischen Panik und Vorsichtsmaßnahmen besteht ein Unterschied!So vermitteln wir unseren Kindern Sicherheit und das Aushalten von Angst. Wir sollten die Authentizität vermitteln: Ich habe auch Angst, komm, wir halten das gemeinsam aus. 

Viele von uns wollen stark sein, stärker, als wir eigentlich sind – aber eigentlich stehen wir kurz vorm „Stark-sein-Burnout“. Wie können wir dem entgegenwirken?

Hier ist Selbstfürsorge ganz zentral. Denn es ist wichtig, frühzeitig auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Dazu gehört, sich früh aus einer Situation rauszunehmen und wenn es einem zu viel wird, Pausen zu machen und deutlich zu sagen: ich kann gerade nicht mehr. Auch schauen: In welchem System muss ich zurechtkommen, was kann ich daran ändern, sodass es mir besser geht? Bei der von mir entwickelten Kikos-Methode geht es genau darum. Manchmal muss man eher mit dem Umfeld arbeiten, weil das nicht merkt, was eigentlich los ist. Oder weil es Ressourcen hat, die nützlich sind, aber noch nicht eingebracht werden. Wie können wir also mit unserem Umfeld reden, dass alles besser funktioniert? Kommunikation ist der Schlüssel. 

Das musste ich auch erst lernen. Ich befand mich mitten in der Krebsbehandlung, aber ich wollte stark sein. Ich wollte Stärke vermitteln, die gar nicht mehr da war. Meine Kinder hatten das aber gemerkt und fühlten sich plötzlich mit einer Verantwortung konfrontiert, mit der sie nicht umgehen konnten. Diese Überforderung werfen sie mir bis heute vor, weil ich nicht frühzeitig gemerkt habe, dass ich besser auf mich achten musste und mich um meine Bedürfnisse hätte kümmern müssen.

Wenn die Situation einen nun überrollt – was dann?

Natürlich ist es immer besser, so früh wie möglich sich mit den eigenen Bedürfnissen auseinander zu setzen und besonders auch das System zu hinterfragen, in dem man zurechtkommen muss. In Extremsituationen, wie auch bei Corona ist genau das ein Problem: Es geht einfach oft nicht. Und die Notwendigkeit, dass genau dieser Selbstfürsorge bisher zu wenig Beachtung geschenkt wurde, wird jetzt plötzlich viel deutlicher oder tritt erst zutage. Das System unter Corona ist kleiner geworden. Das Zusammenleben in der Familie, das interne System ist wichtiger als vorher! Deswegen muss man genau da rein und sich seine Rückzugsorte schaffen, sich neu „einrichten“ und auch die Paarbeziehung genau untersuchen. Das Klopfen hilft direkt in der Stresssituation – aber auch präventiv. Es bewahrt uns nicht vor jedem Burnout. Aber: Zu dem Klopfen gehört auch Selbstbestärkungstraining.

Wie können Alleinerziehende in so einer Situation Entlastung finden?

Für die ist es schwieriger, klar. Auch sie müssen versuchen, neue Möglichkeiten zu eruieren – dafür sind auch Corona-Hilfetelefone super, die vielerorts eingerichtet sind, Stichwort Nachbarschaftshilfe. Die sollte man aber auch nutzen. Denn das ist oft die Krux: Sich selbst anderen zumuten, um Hilfe bitten und Hilfe annehmen. Nur so kann man dem „Starksein-Burnout“ aus dem Weg gehen. 

Sich alleine zu helfen ist schwer, daher find ich es gut, dass du auch ein Sorgentelefon eingerichtet hast. Bleibt das vorerst bestehen?

Ja, das bleibt. Ich kann zwar nicht sagen, bei wie vielen der Menschen, die sich bei mir gemeldet haben, Corona der Grund war, nach dem Motto: „Corona hat bei mir diese oder jene Ängste ausgelöst“, aber ich halte Corona für einen „Sichtbarmacher“, durch die vorher verborgenen Probleme erst akut wurden. Ich bin auf jeden Fall da.

Vielen Dank für das Gespräch!


Auf ihrer Webseite bietet Claudia die Möglichkeit, sie in akut belastenden Situationen zu kontaktieren. Am besten eine kleine Mail vorab schicken – Claudia meldet sich dann mit einem Telefon-Terminvorschlag zurück. Sie hat auf ihrer Seite außerdem ein paar Video-Anleitungen zum Klopfen online gestellt. Hier könnt ihr euch weiter informieren. Falls euch das Thema Resilienz reizt: Um die zu stärken bietet sie die Seminare „Es darf mir auch gut gehen“ oder „Resilienz ist, wenn man trotzdem lacht!“ an.

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