Die letzten Wochen fühlen sich an wie das Gefühl zwischen den Zähnen, wenn man in Watte beißt. Corona ebbt in Europa ab, nimmt in Südamerika an Fahrt auf und ein Polizist tötet George Floyd, während seine Kollegen dabei zusehen und Passanten ihn anflehen, ihn loszulassen. Die gesamte Welt durchschüttelt ein Entsetzen und eine enorme Schuld. Vor dem Hintergrund ist doch jede Rezession egal, who cares wer die Bundesliga gewinnt (hat doch eh keiner gesehen). Wer sucht jetzt noch nach Gewinnern der Krise. Welche Krise? Am Ende wird es keine Gewinner geben. Nicht hier, nicht in den USA, nicht im Amazonas, nirgends auf der Welt.

Und wir sind im Privaten weiterhin politisch, nech. Wie wir das so sein können. Wir empfehlen Bücher und wichtige Accounts im channel of choice und irgendwie machen wir weiter, die einen mit mehr, die anderen mit weniger Haltungs-Content. Wir versuchen unserer Verwandtschaft zu erklären, warum sie sackblöde Dinge sagen, die ernsthaft nicht einfach nur unsensibel sind, sondern rassistisch, ohne sie „Arschloch“ zu nennen und das ist echt schwer. Und wir versuchen, unseren Kindern bessere Vorbilder zu sein, wir wollen ihnen beibringen, dass Worte sehr viel Macht haben und man sie mit Bedacht wählen muss.

Einmal Entnazifizierung, bitte, und zack, Problem gelöst

Oder wie war das? Wussten unsere Eltern doch schon, dass das nicht geholfen hat. Nur haben die die Welt auch nicht gerettet – und ich höre Leute von „Modeerscheinungen“ munkeln. Es geht nicht darum, dem „Zeitgeist gemäß pc zu sein“, wie es Marcus neulich vorgeworfen wurde. Es geht darum zu verstehen, dass sich die Zeit geändert hat. Und das ist einfach nicht bequem. Na klar, viel einfacher ist es, anderen die Schuld zuzuweisen, schwupps Händewaschen und so.

Es ist viel anstrengender, sich genau zu hinterfragen, warum ich gerade so sauer werde, wenn ich mich mit einem unbequemen Vorwurf konfrontiert sehe. Das liegt vielleicht daran, weil ich mich ertappt fühle. Denn das ruft Widerstand hervor, eine ganz kindliche Reaktion – durch die sich nur eine noch dickere Mauer um mich herum bildet: Reiß sie ab, so funktioniert doch kein Diskurs!

Schön dick einmauern, damit keiner einen stört, da drin, in der Höhle, in der die Welt noch in Ordnung ist

In meinem Freiwilligen-Jahr in Bangladesch haben wir in einem Seminar mal ein Spiel gespielt: Alle Teilnehmerinnen zogen eine Karte, auf der eine Person vermerkt war. Prenzl-Berg-Mutti, Obdachloser in München, Slum-Bewohner in Indien, Freiwilligendienst-Mädchen, Business Typ, Muslima in Österreich, you name it. Alle reihten sich an einer Startlinie auf, dann las der Seminarleiter Statements vor und jede, auf deren Person dieses Statement zutraf, durfte einen Schritt vorwärts gehen („Ich verreise im Sommer“, „Ich bin frei in meiner Studienplatzwahl“, „Keiner kommentiert meine Kleidung“, „Ich habe keine Angst alleine in der Nacht draußen zu sein“, „Ich bekomme immer ein Mittagessen, wenn ich will“, usw., das Prinzip ist klar).

Ich denke, ich muss nicht erklären, wer am Ende wo stand. Wir wurden damals jedoch nicht im Vorfeld über den Sinn des Spiels aufgeklärt, wir durften ja nicht mal sagen, was auf unserer Karte stand. Erst zum Schluss lasen wir unsere Karten vor und dann war klar, was wir gerade getan hatten. Wir hatten unsere Privilegien gecheckt. Und es hat uns mit Watte im Mund zurückgelassen.

Posted by:kaputzenkatze

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