Von all unseren Kinderbüchern ist dieses hier bisher vielleicht am wenigsten für Kinder geeignet. Oder doch? Ich starte heute mit einer neuen Rezensions-Reihe: Bücher aus der Kinderbuchabteilung, bei denen es einem durchaus die Sprache verschlagen kann. Das soll für Kinder sein? Wie kann das sein? Verkraften die das? Wo zur Hölle ist der pädagogische Nutzen und vor allem: brauchen wir den immer? Und ist das nicht eigentlich doch eher für die Erwachsenen gedacht? Aus dieser Reihe gibt es viele Beispiele. Heute starte ich mit einem eher brutalen Exemplar.

Spoiler: Ich denke, unsere Kinder verkraften mehr als Bodo Siebenschläfer (weckt mich kurz) und so wenig wie wir ausschließlich Sachbücher lesen wollen, haben auch Kinder nicht ausschließlich Freude an Büchern, in denen sie (zum Beispiel) Emotionen kennenlernen. Bücher über Farben oder Körperteile haben ihre Berechtigung, aber dann gibt es eben auch noch ganz andere Bücher. So wie dieses:

Die Geschichte von Tomi Ungerer ist nichts für zart besaitete

Wir haben das Buch schon gehabt bevor der Junge unterwegs war (Marcus hat da so ein Ding mit Büchern). Dann hat das Kind das Buch in die Finger bekommen und was soll ich sagen – pädagogischer Kinder-Content interessiert ihn einfach nicht so sehr wie dieses Fundstück. Es gehört in die Kategorie „Kinderbücher, die eigentlich für Erwachsene sind“ – und zwar von der krassen Sorte.

Ungerer beschönigt in dieser Geschichte nichts: Der pensionierte Steuereinnehmer Monsieur Racine trifft in seinem Garten auf ein seltsames Ungeheuer, das ihm alle seine preisgekrönten Birnen klaut. Er freundet sich trotzdem an und füttert es mit einer Menge Süßkram. Dann fängt er an, das Tier zu untersuchen und macht eine Entdeckung: Es besteht offenbar ausschließlich aus Lumpen. Ein Wunder! Seine Entdeckung schlägt ein wie eine Bombe und er soll das Tier der Akademie der Wissenschaften vorstellen. Er baut einen Käfig und schafft es auf Kosten des Staates nach Paris.

Zirkusbesitzer, Zoodirektoren und reiche Spinner boten sagenhafte Summen für das Biest des Monsieur Racine. „Was soll ich mit dem Geld?“, war Monsieur Racines Antwort. „Das Tier ist mein Freund, und Freunde verkauft man nicht. Daran wird nichts geändert.“

Tomi Ungerer: Das Biest des Monsieur Racine

Doch dort kommt es zum Tumult: Das Ungeheuer ist kein Tier sondern zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, die sich unter den Lumpen versteckten.

Die Geschichte selbst ist nicht das Sonderbare

Sondern eher die Details in den Bildern: Beim Picknick im Mondenschein fängt am Bildrand ein Fuchs einen Hasen, hat ihn schon im Maul. Daneben eine Axt, die im Baumstumpf steckt – daran noch etwas Blut erkennbar. Das mag nicht jeder gutheißen. Ich finde es gut: Das ist spannend, da sind Emotionen, da sind Tiere, wie sich nun mal verhalten und es ist nicht alles schön, aber ganz viel ist doch schön. Darüber können wir reden. Vor allem über die Wimmelbild-Tumultszenen am Schluss: Der Junge zeigt auf die Gesichter und fragt, wir benennen die Emotionen. „Ja, der Mann ist ganz traurig! Die Frau ist wohl wütend. Dem da ist schlecht. Ohja, der hat sich weh getan.“ Das ist das Leben, das ist relatable. Das ist beinahe Montessoriworthy, oder was?

Naja ok, kleine Kinder seien in dem Alter Maria zufolge noch nicht in der Lage zu differenzieren, Hexen und Monster sind der nüscht. Aber ist ja auch kein Monster. Es sind verkleidete Kinder. Und die lieben Eis und das ist real.

Tomi Ungerer: Das Biest des Monsieur Racine wird auf Kosten der Regierung nach Paris gebracht.

Tomi Ungerer ist 1931 im Elsass geboren und verarbeitet bis zu seinem Tod 2019 seine Kindheitserinnerungen an den Krieg und die Nachkriegszeit in seinen Büchern. Es wird tatsächlich unterschieden zwischen seinen Bilderbüchern für Kinder und für Erwachsene. Das Biest des Monsieur Racine zählt zu den Kinderbüchern. In den Bildern tauchen arme Gestalten auf, Landstreicher mit Blutunterlaufenen Augen und Verdienstorden, Rotweintrinkende SNCF-Mitarbeiter, joviales Schulterklopfen durch einen Polizisten, ein Taschendieb im Tumult, eine Frau steckt einem Mann ihre Faust in den Mund und mittendrin die Französische Flagge und eine Friedenstaube. Ein Abbild der französischen Nachkriegszeit, mit allen Abgründen und Phänomenen? Ich bin keine Historikerin. Ich kann nur anmerken: Polizeigewalt gibt es auch heute noch.

Tomi Ungerer: Das Biest des Monsieur Racine verursacht einen Tumult in der Akademie der Wissenschaften.

Ist das jetzt schlimm, was unserem Kind so in die Finger kommt?

Ich finde nicht – wir sind ja da und erklären ganz viel. Ich erinnere mich an ein Buch aus meiner Kindheit, das wohl auch eher an Erwachsene gerichtet war. Es war „Der mächtige Max“ von Peter Knorr und Bildern von Hans Traxler. Die Tristesse der Vorstadtsiedlung „Muxhausen“, in der der Kerl lebte, gruselt mich bis heute (ganz unironisch). Passiert ist in dem Buch: nichts. Gar nichts. Glaube ich, denn mein Kindergehirn hat nur seltsame vibes abgespeichert. Vielleicht sind nämlich keine Emotionen (oder die fehlende bildliche Darstellung) das eigentlich miese.

Zuletzt ist dies ein Buch über Freundschaft und das Überwinden von Gier und Besitzbestrebungen. Die Kinder lieferte Monsieur Racine nach ihrem Abenteuer übrigens bei deren Eltern ab. „Es waren freundliche Leute vom Land, die auf der anderen Seite des Waldes wohnten.“

*Disclaimer Ob das Buch nun etwas ist, was Eltern ihren Kindern vorlesen sollten oder nicht, kommt auf die Kinder an. Wieviel Anarchie im Kinderzimmer sein darf, muss jede*r für sich entscheiden – ansonsten dienen Bücher wie dieses mindestens zur Unterhaltung Erwachsener.

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