Es ist November und der Herbst ist noch im vollen Gange, ich gebe es zu. Aber da es so straight auf Weihnachten zugeht und ich finde, dass ein wenig Inspiration jetzt ganz praktisch ist, schaue ich nun auf den gefühlten Herbst vom August bis zum Laubfall-und-Kastanien-Herbst zurück und stelle fest: Es haben sich ein paar schöne Exemplare der Bilderbuchliteratur herauskristallisiert. Ich stelle nur die Bücher vor, die wir alle gerne lesen. Der Junge hat nämlich ein paar Lieblingsbücher, vor denen ich mittlerweile Angst habe (wäre das eine eigene Kategorie wert? Ein Kinderbuch-Rant? Sagt ihr es mir). Die folgenden vier Bücher finde ich besonders schön:

Die Kiste von Lorenz Pauli und Kathrin Schäfer

Ich liebe die Bilder von Kathrin Schäfer: nicht so niedlich, aber auch kein Fotorealismus. Und hervorragende Perspektiven! Die Dramatik, die durch die Vogelperspektive (wirklich aus der Sicht einer Möwe) auf die verängstigten Tiere in der Kiste entsteht, ist spürbar. Beste Vorlage für unsere alltägliche Vorleseperformance. Großartig auch die Dynamik der aus der Kiste springenden Tiere! Wer da nicht automatisch sein rudimentär veranlagtes Improtheatertalent hervorbringen kann: Das tut mir sehr herzlich Leid für euch, ich persönlich raste jedesmal aus. Und das freut natürlich den Jungen ganz enorm.

Die Geschichte von Lorenz Pauli ist simpel, leicht zu erfassen und witzig. Am Strand angespült steht eines Tages eine Kiste. Obwohl sie ihr suspekt ist, springt die Ziege Minna hinein, aus plötzlichem Grusel vor einem vermeintlichen Ungeheuer. Immer mehr Tiere tauchen auf, die Angst vor dem Ungeheuerlichen greift um sich und Tier um Tier springt in die Kiste hinein um sich zu verstecken. Das Ungeheuer ist unsichtbar – und als alle den Mut finden und aus der Kiste herausspringen ist es weg. Einfach weg. Ganz klar, es muss jetzt am einzig möglichen Ort sein: in der Kiste. Die Kiste werden sie gemeinsam wieder los und das wars auch schon.

Das Buch handelt von der Furcht, die einen ergreift, wenn man zu lange in den klaren Sternenhimmel schaut und sich der Unendlichkeit des Universums bewusst wird. Dem unbestimmt unguten Gefühl, das einen überkommt, wenn man lange aufs Meer schaut und sich dessen Tiefe versucht vorzustellen. Dabei schmeichelt die Sprache den Bildern, indem sie genauso wenig niedlich ist und doch ihren Witz hat. Während die Illustration von Kathrin Schäfer voller Details, aber nicht überladen ist und keinerlei Disney-Kitsch paraphrasiert, schreibt Pauli genauso unaufgeregt aber schön:

Minna mag das Meer. Sie schnuppert: Sogar die Luft riecht nach Salz und Minna liebt Salz. Da gibt es nichts zu meckern, denkt sie. Hier ist es schön und gut.

Die Kiste von Lorenz Pauli und Kathrin Schäfer

Vor dem Hintergrund, dass dieser Text das Bild einer Ziege beschreibt, die auf einer Klippe steht und im Caspar David Friedrich-Style aufs Meer blickt wird klar, was ich meine. Hier gibt es nichts zu meckern.

Julian ist eine Meerjungfrau von Jessica Love

Das Besondere dieses Buches ist die Poesie, die sich vor allem auf der Bildebene abspielt und dass Jessica Love mit nur wenigen Worten schafft, woran viele scheitern: Etwas, das nicht der Norm entspricht, wird dargestellt und nur dargestellt – das reicht, um zu überzeugen. Das phantastische Bild, das Love aufmacht, ist Julian, wie er sich selbst als Meerjungfrau vorstellt und sich dann als solche verkleidet. Seine Großmutter hilft ihm, das Outfit zu perfektionieren und nimmt ihn dann mit auf den Karneval.

„Meerjungfrauen“, flüstert Julian. — „Genau wie du, mein Schatz. Komm, wir gehen mit.“

Julian ist eine Meerjungfrau von Jessica Love, aus dem Englischen von Tatjana Kröll

Sie hilft ihm also die Vorstellung in die Realität und schließlich in die Öffentlichkeit zu tragen. Ohne Wertung, ohne Erläuterung. Nur mit einfachsten sprachlichen Mitteln aber dafür in bunten, schwungvollen Aquarellen in warmen Farben, die einen Sommer darstellen, wie ich ihn vermisse. Und die einen Jungen zeigen, wie er ist und eine Oma, die ihn genauso annimmt, wie er ist. Ohne, dass jemals eine lange Rede darüber gehalten werden muss, dass alle Menschen gleich viel Wert sind und ohne einer Fußnote über die Differenzierung von Sex und Gender. It is what it is und insofern stellt das Buch fast eine Utopie dar, wenn man davon ausgeht, dass sonst immer irgendjemand sich dazu verpflichtet fühlt, den Oberlehrer zu markieren. Und die Bilder sind so! Schön!

Zehn kleine Finger und zehn kleine Zeh’n von Mem Fox und Helen Oxenbury

Ich kenne das englische Original nicht, aber die Übersetzung von Ebi Baumann ist sehr gelungen: Die Reime sind simpel und holpern nicht (und oh ja, was können manche Menschen Reime verkacken, ich sag nur „Meine kleine ROTE Feuerwehr“ von Tina Schulte, ich reg mich auf, vielleicht sollte ich aus Gründen der Katharsis wirklich einen Kinderbuch-Rant schreiben).

Ein Baby ward geboren / in einem fernen Land. / Und tags darauf ein zweites / den Weg ins Leben fand. / Und diese beiden Babys, / ein jeder kann es sehen, / hatten zehn kleine Finger / und zehn kleine Zeh’n.

Zehn kleine Finger und zehn kleine Zeh’n von Mem Fox und Helen Oxenbury

Dieses Bilderbuch ist wieder eines von der ganz einfachen Sorte. Es geht nur darum, dass überall auf der Welt Kinder geboren werden, die zehn kleine Finger und zehn kleine Zehen haben und zuletzt (und ich muss wirklich jedesmal angestrengt meine Rührungstränen runterschlucken, um nicht zu kloßig zu klingen) wird auch der Ich-Erzählerin ein Baby geboren. Natürlich muss ich da weinen, Kinder zu gebären ist einfach wirklich schön (oder okay, fairerweise vor allem das Outcome, um es mal ganz unromantisch auszudrücken).

Dabei grenzt das echt an strengem Kitsch zum Schluss. Ich bin, was das angeht, leicht zu kriegen – bisher hat mich wirklich jede Merci-Werbung gekriegt. Aber auch Marcus meinte dazu: Es ist knapp, aber es driftet nicht geschmacklos ab. Dabei helfen auch die Zeichnungen. Ähnlich wie bei den Illustrationen von Kathrin Schäfer sind die Bilder von Helen Oxenbury weit entfernt von Bambis Rehaugencharme, aber trotzdem niedlich genug mit Details wie Rotznasen, aneinander gequetschen Pausbacken und einer zufriedenstellenden Darstellung des Kindchenschemas. Die Wiederholungen, die kleinen alltäglichen Szenen und die dem Abzählschema „Zehn kleine Sowiesos“ konträr stehende Storyline (es werden immer mehr Babys von Seite zu Seite) sind ideal geeignet für bereits ganz kleine Kinder. Mein Sohn ist jetzt zwei Jahre alt und fühlt sich seit etwa einem halben Jahr davon unterhalten.

Der Hut von Tomi Ungerer

Schon wieder Tomi Ungerer? Ja. Und es wird sicher nicht der letzte sein. Wo ich neulich noch darüber sinnierte, was Kinder alles an Brutalität aushalten können, fällt mir heute beim erneuten Lesen dieses alten Hutes auf: Was sind denn Märchen, wenn nicht brutal? Dieses Buch ist harmlos gegen gefressene Großmütter und sedierte Prinzessinen, die genau den random Prinzen heiraten müssen, der sie während ihres weggetretenen Zustandes geküsst hat. Consent, anyone? Ich sag mal so: problematisch.

Diese Geschichte hat alle Merkmale eines klassischen Märchens: Eine feste Struktur, ein zunächst schwacher Held, der mit ein bisschen Zauber eine Menge Glück hat und am Ende siegt das Gute über das Böse. Das Aschenputtel bei Ungerer heißt Benito Badoglio und ist ein bettelarmer Veteran. Mit Krückstock und Holzbein humpelt er durch die Straßen als ihm ein Hut auf den Kopf fliegt:

„Nicht schießen! Ich ergebe mich!“, schrie der verwirrte alte Soldat. Aber als er sah, was passiert war, setzte er sich auf eine Bank, um den Hut genauer zu betrachten. Zu seiner Überraschung entschlüpfte der Hut seinen Händen, machte einen Salto und vollführte einen kleinen Tanz. „Beim Donner von Sebastopol!“, rief der Alte. „Der Hut lebt ja! komm her, du verrückter Hut!“

Tomi Ungerer: Der Hut.

Mit dem Hut auf dem Kopf erlebt er nun zahlreiche kleine Abenteuer, in denen er unter anderem einen Mann davor bewahrt, von einem Blumentopf erschlagen zu werden, einen Vogel fängt und Räuber besiegt. Dafür belohnen ihn die geretteten gerne, sein Erscheinungsbild wandelt sich. Während Aschenbrödel Haselnüsse für schicke Kleider knackt, fängt Badoglios Hut einen Vogel ein, der ihm ein silbernes Rad für sein Holzbein beschert. Zum Schluss wird er zum Minister für nationalen Notstand ernannt und (Achtung, Spoiler) die Prinzessin verliebt sich in ihn. Ja, sie heiraten. Ist das nicht schön?

Mir gefallen wie immer bei Ungerer die Details in den Bildern neben der eigentlichen Geschichte: Hier fischt ein Mann das Kleingeld aus einem Brunnen, im Tumult landet das Gesicht eines anderen in einer Melone und eine Katze wird von der Kutsche überfahren. Herrlich. In den Bilder findet so viel Leben statt und es gibt unheimlich viel zu besprechen mit dem Kind. Mir ist bewusst, dass wir unsere an sich pazifistische Haltung durch das Vorlesen von Ungerer etwas konterkarieren (die Seiten mit Kanonen der Polizisten haben den Jungen sehr fasziniert). Aber Ungerer macht uns die Diskussion darüber leicht. Denn der alte Soldat Badoglio hält die Polizei vom Schießen ab und findet eine (beinahe) gewaltfreie Lösung, dass sich die Räuber ergeben. Er räuchert sie aus. Qualmen ist Silber, Reden ist Gold, schießen ist Mist – fasst auch unser Lebensgefühl der letzten 15 Jahre zusammen (wenn ich mal ab meiner ersten Zigarette rechne).

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