Ich bin faul aber ich bastele gern – wenn es mich nicht wütend macht. Wütend macht es mich, wenn es nicht schnell genug geht, wenn es unnötig kompliziert wird oder wenn mir meine Finger vorkommen wie Bockwürste und das Ergebnis auch. Ganz normal. Interessant wird die dilletantische Bastelei erst durch die Wertung von Außen und durch die ökonomische Einordnung nach Vilfredo Pareto.

Es wirkt vielleicht, als würde ich basteln, nur weil es zum guten Ton guter Mutterschaft gehört

Das stimmt nicht. Ich tu es wirklich gerne, auch wenn ich nicht besonders gut darin bin. Ich bemühe mich dabei nicht um Perfektion, weil ich die sowieso nicht erreichen kann. Es macht mir einfach nur Spaß. Neulich entstand unter einem Instagram-Post zu dem Portrait von Julia Romeiss auf dem Profil von LittleYears eine kleine Diskussion darüber, wieso es eigentlich als unfeministisch gilt, zu basteln. In einem der Kommentare fragte eine Userin, ob die Überpräsenz toller Basteleien auf Instagram nicht das Bild einer „normalen“ Mutter verzerre – es baue nur Druck auf.

Part of the problem, würde ich sagen. Warum setzt es manche unter Druck, wenn andere toll basteln können? Weil es zum Klischee der perfekten Mutter gehört, schon klar. Andere arbeiten und haben dafür keine Zeit, auch klar.

Wenn es mich triggert, wenn andere super schöne Torten backen, was triggert mich da wirklich?

Die Torte? Nein, die will ich eigentlich essen. Das Origami-Mobile? Das will ich haben und den schönen Trockenblumenkranz nehm ich auch, bitte.

Eine sogenannte Bastelmutti steht auch unter Druck: Andere Menschen feinden sie an und sagen ihr, sie solle nicht so angeben. Wieder andere wollen noch mehr von ihren schönen Blumenkränzen oder Makramee-Ampeln und beschweren sich, weil sie gerade keine Zeit hat, neue anzufertigen. Eine andere ist Künstlerin und seitdem sie Kinder hat, bekommt sie keine Ausstellungen mehr und Stipendien mit Kind sind in den meisten Fällen nicht möglich. Wenn sie schöne Dinge macht, hat das etwas Tragisches, wenn es keine*r sieht.

Was triggert ist das, was von Außen sichtbar ist und von dem ich weiß, dass ich es nie erreichen kann

Oder von dem klar ist, dass 100% des Ergebnisses unerreichbar sind.

Nun spreche ich in der Ich-Form beim Thema basteln – dabei triggert mich das persönlich eigentlich nicht. Denn gerade an dem Beispiel ist mir eine Sache klar geworden: Ich finde 100%ige Perfektion beim Basteln absolut nicht erstrebenswert. Mir reichen 80% und auch dafür bin ich nicht bereit durchs Feuer zu gehen. Diese Einstellung hilft sehr dabei, sich nicht schlecht zu fühlen. Das Schöne ist: ich kann sie auf beliebig viele Bereiche anwenden.

Diese Einstellung hilft mir dabei, das Patriarchat zu überlisten

Vielleicht etwas polemisch, aber doch im Kern wahr. Frauen fühlen sich schlecht, wenn andere Frauen die schöneren Wandtattoos auf die Raufaser pinseln. Die Schuld suchen sie bei der „Täterin“: Was gibt die denn auch so an? Selbst die Antwort der Wall-Art-Künstlerin („Die ist ja nur neidisch“) spielt dem System in die Hände. Denn das befeuert eine Konkurrenz, die nicht konkurrierenswert ist: Wer ist die beste Hausfrau? Die Frage sollte lauten: Warum will ich die beste Hausfrau, die beste Mutter, die beste Kollegin oder Chefin und die beste Liebhaberin sein? FÜR WEN? Wirklich für sich selbst? Oder doch für andere, die zum Beispiel auch finden, dass „Bossbabe“ die bessere Bezeichnung für „Karrierefrau“ ist, weil ersteres nicht so suggeriert, eine könnte hässlich sein.

Ich bin selbst ja nicht davor gefeit, Konkurrenz zu sehen, wo sie im Grunde sinnlos ist. Aber endlich ist mir die Zauber-Ressource eingefallen, die mich da rausholt: mein in mir fest und seit jeher verankertes genügsam wirtschaftendes Denken und Handeln – das nicht nur meine Bastelschaft (ohne „leiden“, hihi) betrifft.

Wie kam es dazu?

Habe ich einen Masterplan ausgeklügelt oder an einem Coaching teilgenommen? Nein. Ich bin so. Ich brauche keine 100% um glücklich zu sein. Das Dumme ist nur, dass ich mich nur immer wieder daran erinnern muss und ich möchte allen raten, auch darüber nachzudenken, ob es wirklich die 100% sein müssen. Was dahinter steckt ist mehr, als Fünfe grade sein zu lassen. Es ist eine Lebenseinstellung, die einem ökonomischen Prinzip folgt. Erstmals festgestellt hat das mein Vater, als meine Grundschullehrerin mich nicht aufs Gymnasium schicken wollte. Er überzeugte sie aber davon, die Empfehlung doch auszusprechen, indem er ihr Folgendes erklärte:

„Miriam handelt immer wirtschaftlich und zwar so, dass sie sich nicht überarbeitet. Sie strengt sich nur so viel an, wie es gerade nötig ist. Sie würde immer im okayen Bereich bleiben, egal ob auf der Haupt- oder Realschule oder auf dem Gymnasium.“

St. Martin

Er hatte Recht: Mit dieser 80:20-Einstellung habe ich Abitur gemacht und viele Semester irgendwelchen Kram im Bachelor studiert. Und so habe ich es bis zum Masterabschluss gebracht.

Nach diesem „Pareto-Prinzip“ stecke ich nur 20% Gesamtaufwand in eine Sache, um 80% des Ergebnisses zu erzielen

Ich habe Literatur- und Kulturwissenschaften studiert – Begrifflichkeiten aus der Wirtschaft waren mir immer so fremd, wie dem Wirtschaftstudenten Chomskys Universalgrammatik. Aber ich fing an zu arbeiten und lernte diese Welt zwangsläufig kennen. Jetzt bin ich um ein paar Aha-Momente schlauer. Die Beschreibung dieser charakterlichen Schwäche, wie es manche nennen könnten, hat endlich einen Namen. Mittlerweile denke ich nicht mehr, dass mich diese frühzeitige Zuschreibung darum gebracht hat, mich mehr anzustrengen. Ich denke, es war eine sehr präzise Beobachtung meines Vaters. Es bedeutet eben nicht, sich in der selbsterfüllenden Prophezeiung gemütlich zu machen.

Es gehört schon ein Minimum an Cleverness dazu herauszufinden, in welche 20% es sich lohnt zu investieren.

Jahrelang dachte ich, es sei meine größte Schwäche, dass mir 80% ausreichen. Die Schwäche, die ich lieber nicht im Bewerbungsgespräch angeben sollte. Jetzt stelle ich fest: Es ist keine Schwäche, das Pareto-Prinzip ist meine Rettung! Denn jetzt, wo es längst nicht mehr um Noten geht, ist die Welt viel komplizierter geworden. Die Ansprüche an mich sind hoch. Jetzt merke ich: 80% ist ganz schön viel!

80% Mutter sein, 80% Frau sein, 80% Freundin sein, 80% zuverlässige Kollegin sein – die Summe macht doch Angst!

Wenn ich mir jetzt überlege, was ich zur Erfüllung der Definitionen der jeweiligen Rollen an Ressourcen aktivieren muss: das zermürbt. Selbst, wenn ich 80% schaffe, bin ich manchmal frustriert. Natürlich bin ich frustriert, weil ich eben nicht meinem Anspruch gerecht wurde. Frage ich mich ehrlich, woher der Anspruch eigentlich kommt, entlarve ich mich schnell.

Ich denke zum Beispiel oft, ich bin ein Drecksschwein, weil ich unsere Bettlaken nicht bügele. Aber zu meiner Definition einer guten Mutter gehört irgendwie das Bügeln dazu. Ich bügele gar nicht. Überhaupt nicht.

Meine Mutter bügelt aber, oja, und wie! Sie bügelt Stofftaschentücher während wir sowas nicht mal besitzen und das ist überhaupt nicht nachhaltig!

Kein zero-waste und knitterige Wäsche

Denke ich jetzt darüber nach, wird mir klar: Bügeln ist für meine Mutter eine meditative Handlung. Sie ist wahnsinnig schnell dabei. Das beinahe rhythmisch ausatmende Dampfen des Bügeleisens und den Geruch, der sich durch die frisch gewaschene Wäsche im Wohnzimmer ausbreitet, habe ich noch in Ohr und Nase. Nichts hat sie gesagt dabei, nur zugehört: wie mein Vater ihr vorliest, wie wir Kinder Quatsch machen, wie der Tatort tatortig ist. Meine Mutter ist eine super Mutter, aber das Bügeln hat sie nicht dazu gemacht.

Erstens hat sie eine viel restriktivere Kindheit gehabt als ich und ihr wurde viel mehr eingebläut, was sich für eine Frau gehört (z.B. bügeln und das wurde habituell). Und zweitens ist es eine wohltuend gleichbleibende und unkomplizierte Arbeit mit einem leicht zu erreichenden und durch Haptik und Optik zufriedenstellendem Ergebnis: duftende, glatte, etwas warme Wäsche. Irgendwie tut es ihr gut.

Bleibt noch der zero-waste Aspekt: Ich verbuche den unter Bubble-Struggle und belasse es dabei, weil das Nachdenken darüber wahrscheinlich mehr als 20% meiner Energie kosten würde.

Wie oft lohnen sich also 100% Energie für eine Sache tatsächlich und was sind die Gründe dafür?

Ein schwammiges „eine gute Mutter sein wollen“ reicht nicht aus. Wer oder was eine gute Mutter und eine tolle Frau ist oder ausmacht, ist subjektiv und individuell. Was für mich 80% sind, ist für eine andere Personen unerreichbar. Während die eine ihr angeknicktes Origami-Häschen unter 80% verbucht, kann ich nur staunen, weil ich finde, dass diese Person mindestens 1000% Perfektion erreicht hat, weil ich selbst bereits bei 20% des Origami-Falters aufgehört habe (und ihn längst wütend zerknüllt habe).

Kürzlich habe ich in einer Instagram-Story Bilder davon geteilt, wie der Junge und ich mit weißem Kreidestift ein Fenster dekorieren. Natürlich in dem Bewusstsein, dass der kleine Winterwald, den ich da begonnen hatte, ganz hübsch aussah. Prompt kamen Reaktionen mit Herzaugen-Emotikons und unter anderen die Frage, ob ich denn wirklich so tolle Elche malen könne. Kann ich nicht. Ich habe im Aldi ein Fenster-Mal-Schablonen-Set gekauft. Die Frau, die gefragt hatte war daraufhin erleichtert: „Ich war schon ganz neidisch.“

Über allem liegt ein Filter

Auch im real life. Alle tun immer so, als läge in sozialen Medien das größte Potential für Neid und Missgunst, dabei tut doch jeder Mensch auch ganz ohne TikTok-Tanz so, als wäre mindestens alles ok oder maximal alles super. Ich weiß noch, wie ich manchmal mit einem unheimlichen Rabenmuttergefühl nach dem Babyschwimmen aus der Umkleidekabine ging, weil ich nicht nur eine Unterhose für mich, sondern auch Windeln für mein Kind vergessen hatte. Alle anderen hatten Handtücher mit Ohren und ich hatte ein fleckiges Mulltuch.

Dafür war ich aber schneller als die anderen wieder draußen, mein Baby war zufrieden und schrie nicht und außerdem war eh Sommer und wer weiß denn schon, ob das nicht einfach unser Ding ist: unten ohne? Die anderen Mütter haben vielleicht gar nicht gedacht, dass ich mein Leben nicht im Griff habe. Vielleicht fanden die mich ultralässig und tragen seitdem auch keine Unterhosen mehr. Weil es in stickigen Umkleidekabinen einfach ewig dauert, sich diese dummen Fetzen über die Schenkel zu rollen, während das Baby langsam vom Wickeltisch rollt. Keine Buxe, kein Problem, schneller draußen, 80:20.

Jetzt bin ich eine stolze 80:20-Mutter und genauso bastele ich auch. Nicht halbherzig sondern ökonomisch. Das Ziel ist stets, mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst schönen Effekt zu erzielen. Dabei darf die 80:20-Mutter gerne mogeln. Der 80:20-Vater im Übrigen auch. Ich kann dieses Vorgehen wirklich nur empfehlen. Denn es macht weniger neidisch und früher zufrieden. Vor allem aber regt es an zu reflektieren: Sind 100% gerade notwendig? Und wenn ja, aus welchem Grund?

Was noch bleibt: Basteln nach dem Pareto-Prinzip

Eventuell teile ich in einem gesonderten Post meine super low key Adventsbasteleien, 100% Pareto approved (ok, 80%). Eventuell. Ich verspreche nichts. Ich habe hier schon mal Einblicke in unperfekte Basteleien gewährt und wer es gerne off-season mag: Ostern war auch nicht perfekt bei uns. Das Osterfeuer auf dem Balkon eskalierte dann übrigens in Wahrheit etwas.

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