Wieviele Bücher braucht ein 2-jähriger an Weihnachten? Wenn es nach Marcus geht ist das ohnehin keine Frage der Saison und die Antwort lautet: viele, tausend, alle. Ich habe uns beschränkt auf drei. Eines haben wir im November bereits rausgeholt (ich hatte es letztes Jahr schon zum Nikolaus verschenkt), eines gab es zum ersten Advent und heute – am zweiten Advent und dieses Jahr zum Nikolaus – bekommt er ein drittes. Welche das sind und warum wir sie ausgewählt haben, erfahrt ihr hier.

Ich beginne mit unserem Neuling, die anderen beiden Bücher liebt der Sohn bereits innig und stehen wahrscheinlich schon seit einigen Jahrzehnten in den Kinderbuchregalen dieses Landes. Offiziell sind sie nicht für Kleinkinder unter drei Jahren klassifiziert, aber das macht nichts. Und im letzten Newsletter hatte ich schon erwähnt, welches dieser Weihnachtsbücher für Kleinkinder erwachsene Literaturästheten zum Weinen bringt.

„Familie Mellops feiert Weihnachten“ von Tomi Ungerer

Eine wunderschöne Ausgabe, neu erschienen bei Diogenes dieses Jahr im Oktober. Mit Schutzumschlag! Und hübsch geprägter Schrift unter dem Umschlag und ja, es riecht auch gut. Ist echt so. Es fehlt eigentlich nur Leinen und ein Lesebändchen aber okay, auch ohne reichen Optik und Haptik dieser Ausgabe bereits aus, um vom Verlag selbst nicht nur als Kinder- sondern auch als Geschenkbuch deklariert zu werden. I get it, ich falle komplett darauf rein, dass nach Ungerers Tod letztes Jahr ein bisschen Kohle gemacht wird.

Um Kohle (bzw. deren Abwesenheit) geht es im Prinzip in der Geschichte um die vier Brüder Kasimir, Isidor, Felix und Ferdinand Mellops, die Anna Cramer-Klett 1978 ins Deutsche übersetzte. Denn nachdem deren Vater ihnen völlig begeistert von der Idee erzählte, einen Weihnachtsbaum zu schmücken, beschloss jeder seiner Söhne für sich, ihn mit einem Tannenbaum zu überraschen. Damit hatten insgesamt hatten sie nun vier Weihnachtsbäume zu viel! (Was mich daran erinnert, dass Marcus mir heute einen Schoko-Nikolaus schenken wollte, ich mir aber längst selbst einen in den Stiefel gesteckt hatte) Was also tun mit den vier Bäumen? An Bedürftige spenden, klar!

Nur dann stellt sich heraus, dass überall, wo sie eine Tristesse am Feiertag vermuteten, bereits geschmückte Bäume standen. Im Waisenhaus, im Krankenhaus, im Gefängnis und in der Kaserne ging es festlicher zu, als gedacht.

„Als Nächstes suchten sie das Gefängnis aus. Selbst hier waren alle Gefangenen schon beim Feiern.“

Tomi Ungerer „Familie Mellops feiert Weihnachten“

Ich liebe die Verlaufsform in diesem Satz in Kombination mit dem Gefangenen, der rauchend auf seiner Pritsche liegt und, naja, pennt. Neben ihm ein Bäumchen sowie Weinglas und Tässchen.

Die Brüder sind niedergeschlagen, aber sie treffen auf ein Schweinemädchen, das bitterlich weint. Sie bringt die Jungs zu ihrer kranken Großmutter. Die Verhältnisse in dem Haus sind sehr arm. Hier leben die Einsamen, die Verängstigten und natürlich taucht wieder ein Kriegsveteran auf. Hier sind die Bäume am besten aufgehoben. Schnell rennen die Brüder nach Hause und holen Decken, Kleidung und „Felix leerte seinen Sparmenschen, um Geschenke und Arznei zu kaufen.“ Danach feiern die Mellops selbst noch richtig Weihnachten.

Es handelt sich also um ein ganz klassisches Weihnachtsmärchen

Der christliche Nächstenliebe-Topos passt recht gut zu der Tatsache, dass eines der Lieblingslieder vom Söhnchen seit W o c h e n „St. Martin war ein guter Mann“ ist. Hier wie dort helfen die Hauptprotagonisten den komplett abgehängten der Gesellschaft direkt – und spenden nicht einfach nur einmal im Jahr für „Brot für die Welt“ und gut ist. „Familie Mellops feiert Weihnachten“ ist witziger als St. Martin. Dazu kommt diesmal eine sehr reduzierte Bildsprache mit weniger morbiden Details, aber dem gewohnten subtilen Witz: Da schlachten die Schweine den „Sparmenschen“, um den richtig armen Schweinen zu helfen. Grüße gehen raus an Fa. Tönnies und Kolleg*innen 😉 – um das ganze mal in aktuellen Kontext zu bringen.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass der Junge an dem Buch ebenso Gefallen findet. Ich bin zuversichtlich, er ist immer hochinteressiert, wenn er Leute sieht, die krank sind und auch Holzhacken bleibt spannend für ihn.

„Die Weihnachtsmaus“ von James Krüss

Meine Schwestern und ich mussten dieses Gedicht von James Krüss in der fünften Klasse auswendig lernen. Eigentlich bin ich mir nur bei mir selbst sicher, dass ich es lernen musste – ich kann es bis heute. Wir haben aber zuhause immer fröhlich vor uns hin rezitiert (ich übertreibe nicht). Später habe ich das Gedicht mal auf meine Mutter umgedichtet, die eine Schwester hat es illustriert, die andere eingesprochen. Das Ding gehört also in den familieninternen Kanon und entsprechend glücklich war ich, als ich das schöne, illustrierte Pappbilderbuch entdeckt hatte.

Die Weihnachtsmaus ist dafür verantwortlich, wenn der ganze Weihnachts-Süßkram verschwindet – und es keiner gewesen sein will. Was mich daran erinnert, was der eigentliche Grund dafür ist, dass Marcus mir einen Schoko-Nikolaus geschenkt hat: Er dachte, ich hätte nur ihm und dem Jungen einen gekauft – den kleinen, den ich dem Kind ins Stiefelchen stecken wollte, hatte er einfach schon gegessen. Ich kauf doch nicht Nikoläuse zum Spaß und da standen doch drei im Schrank. Mal ehrlich. Gut, dass mir das noch rechtzeitig aufgefallen war. 200g mehr „Nokonade“ fände er zwar gut, aber Zähneputzen ist so schon schwierig genug geworden.

Der Junge kann einzelne Satzfetzen schon mitsprechen und wir müssen immer wieder von vorne vorlesen. Oder wir müssen stundenlang auf einer Seite ausharren, weil er über all die kleinen Mäuse reden will. Die Illustrationen der ominösen Weihnachtsmaus sind von Annette Swoboda und bieten genug Anlass zum Schwelgen und so tun, als würden wir uns auch Kekse klauen und in den Mund stecken. Also: Auch unter 3-jährige Kinder haben ihren Spaß an diesem Buch – nicht nur wegen des sauberen Versmaß, sondern besonders auch wegen der stimmungsvollen Illustrationen. Macht Lust auf Kekse!

„Weihnachten in Bullerbü“ von Astrid Lindgren

Marcus ist komplett ohne Bullerbü aufgewachsen – als Wessi, die Ende der 80er geboren den Mauerfall verträumt hat, kann ich mir kaum ausmalen, wie trist das gewesen sein muss. Er hat noch bis zur Einschulung miterlebt, was meine Schwestern und ich nur aus „ostalgischen“ Klamaukereien von Leander Haußmann kennen. („Sonnenallee“ ist ein Trigger für Marcus während meine Schwestern und ich ganze Dialoge zitieren können.)

Die Verklärung ordne ich in „Weihnachten in Bullerbü“ zeitlich dem Jahr 1925 zu, weil das da auf einer Keksdose steht. Das Buch selbst ist 1963 erstmals erschienen. Es ist nicht überladen an Text oder Bildern und sprachlich einfach und im Grunde kindlich gehalten. Diese Einfachheit ist das Rührende: hier erzählt Lisa vom letzten Weihnachten. So, wie ein Kind eben von Weihnachten berichtet:

„Er backte neunzehn Pfefferkuchenschweine und ich backte vierzehn und Bosse elf. Aber wir machten auch Herzen und Sterne und andere Figuren.“

Astrid Lindgren „Weihnachten in Bullerbü“

Der Junge liebt die Bilder und spricht seitdem ständig von Weihnachten. Immer wieder will er von vorne lesen und das verdanken wir der Einfachheit und den realistischen Darstellungen. Hier ist nichts stilisiert – der Weihnachtsbaum leuchtet wirklich.

Die Welt, die Astrid Lindgren darstellt, ist einfach noch heile. Eine unbeschwerte Kindheit – ohne einem ersten, zweiten oder kalten Krieg, ohne Armut, ohne überpräsenten Eltern und ohne Pandemie – schmerzt uns Erwachsenen gerade. Marcus und ich erinnern uns an unsere Kindheit und daran, wie unbeschwert wir waren. Und wir stellen fest, dass es einen Unterschied machte, ob die eigenen Eltern für ein bisschen Zauber sorgten oder ob es ihnen egal war, wie sie Feste und Rituale feiern.

Das ist keine Wahnsinns-Erkenntnis. Diese Biedermeierlichkeit, in die uns die Corona-Krise manövriert, macht uns sentimental – was sich besser anfühlt, als Wut und verlorene Zuversicht. Und so halten wir uns an unserer Liebe fest.

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