Plötzlich ist es doch schwierig, sich die Socken anzuziehen. Eine Schwangerschaft fühlt sich für jeden Körper anders an, aber ich vermute mal, dass es gegen Ende für die meisten beschwerlich wird. So macht der Körper deutlich, dass sich die Dinge ändern werden: Das „Wollen“ und das „Können“ stehen in einem Ungleichverhältnis. Und die Schwangerschaft ist erst der Anfang.

Als ich mit dem Jungen schwanger war, verbrachten Marcus und ich ein paar Wochen in Frankreich. Wir reisten durch die Provence bis nach Marseille, fuhren mit dem Zug und schliefen in netten, kleinen Airbnbs. Der vorletzte Stopp unserer Reise war Marseille. Ich hatte eine lange Liste an Ausflügen und Aktivitäten angelegt, die ich unternehmen wollte. Marcus war das ein bisschen egal, ihm reichen Spaziergänge und Cafés immer aus. Aber ich lese doch immer 25 Blogs und drei Reiseführer, bevor ich irgendwohin fahre und dementsprechend viele sogenannte Inspirationen haben sich bis zur Ankunft angestaut. Die wollen gelebt werden! Aber es ging nicht.

Mein Körper machte nicht mehr mit

Nach eineinhalb Wochen Gewaltmärschen durch pittoreske Orte und an Kathedralen und drolligen Karussells vorbei war mein Körper müde. Ich wollte einen bestimmten Ort besuchen, aber der war ohne Auto schwer zu erreichen. Es hätte bedeutet, früh aufzustehen und ein bisschen auf einen Bus zu hoffen und eventuell wieder zurückzukommen aber keine Ahnung wie. Diese Ungewissheit, die auf Reisen sonst den Reiz ausmacht, konnte ich plötzlich nicht ertragen. Es war mir zu anstrengend, weil ich bei der großen Hitze im Sommer 2018 nicht irgendwo stranden wollte. Und eh: Ich konnte gar keine langen Strecken zurücklegen. An dem Morgen, als wir beschlossen, den Ausflug nicht zu machen und stattdessen ins Museum zu gehen, war ich traurig und wütend. Wir gingen ins MuCEM, das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers und ich musste als erstes pinkeln. Als ich im Untergeschoss in der Damentoilette saß, heulte ich, pinkelnd. Ziemlich laut und lange.

Danach ging es mir besser und ich verstand, was mich so wütend machte: Mein Kopf konnte noch so viel, aber mein Körper wies mich in seine Schranken. Nie habe ich es zuvor erlebt, dass ich etwas nicht mehr kann, obwohl ich könnte! Ich traf eine rationale Entscheidung für meinen Körper und möglicherweise auch für meine Psyche. Aber es verwirrte mich. Was sollte das, mich zum „Erlebnis“ zu zwingen? Allerdings wollte ich ja etwas erleben. Ich konnte nur nicht mehr und musste mich eher zwingen, weniger zu tun.

Wie konnte es nur sein, dass sich eine rationale Entscheidung für das eigene Wohlergehen so falsch anfühlte?

Ich fühlte mich gefangen und war zum ersten Mal damit konfrontiert, was es heißt, nicht mehr die Dame meiner Lage zu sein: Ich erkannte die Fremdbestimmung und ahnte nur, wie es sich anfühlen musste, Mutter zu sein.

Nach diesem Schock (ich bin ja wirklich nicht allein in meinem Körper!), kam dann ein kleiner Frieden. Leergeheult lässt sich leichter Gedanken ordnen. Mir wurde klar, dass es ein neuer Teil meines Lebens war, der Aufmerksamkeit brauchte. Es machte Sinn, genau hinzuhören, in mich hineinzuhören. Das erste Herantasten an die Fragen was ich, aber auch was das Baby brauchte, begann. Ich stellte fest, dass ich meiner Selbstbestimmung und meiner Freiheit hinterher trauerte. Dabei habe ich mir nichts so sehr gewünscht, wie dieses Kind. Und jetzt macht es mich unglücklich – weil ich nicht diesen ollen Küstenort bewandern konnte? Ich kam mir egoistisch vor und bemitleidete mich. Schämte mich meiner Gefühle und fand sie doch nachvollziehbar.

Ich entschloss mich, dem ganzen Paradox vorerst neugierig entgegenzutreten

Das war leichter in der Schwangerschaft, schließlich glich jeder Tritt und jedes Purzeln im Bauch einem wahnsinnigen Wunder. Und dann kam der Tag der Geburt. Die Hebamme sagte danach: Ihr habt das zusammen gemacht, ihr wart ein richtig gutes Team.

Seit diesem Tag sind wir also ein Team, ganz offiziell. Aber wir waren das schon vorher, in der Schwangerschaft. Weil wir einander zugehört haben, scheint es mir heute. So rührend das klingen mag – dadurch habe ich heute eine ideale Vorstellung von einer, nennen wir es ruhig mal „achtsamen“ Schwangerschaft. Denn vor zweieinhalb Jahren entstand dieses genaue Hinhören irgendwann von ganz allein – ohne Selbstoptimierungsbestrebungen und Ratgeberliteratur. Auch ohne extra Kurs und ganz ohne Meditationskissen.

Und heute?

Nachdem mir in der ersten Hälfte der Schwangerschaft dieses Jahr so überpräsent klar war, dass ich aber sowas von schwanger bin und es schrecklicherweise jeden Moment nicht mehr sein könnte, habe ich in den Wochen der geglätteten Wogen fast vergessen, dass ich ein zweites Kind erwarte. Jetzt merke ich aber, dass die Flitterwochen vorbei sind. Das dritte Trimester klopft an und es fällt mir schwerer, Socken anzuziehen. Und während ich voller Elan meine Wochen vor Weihnachten plane, mir einen Redaktionsplan schreibe, Konzepte erstelle und neue Tools ausprobiere, passiert es:

Das Gefühl drängt sich wieder in den Vordergrund

Ich habe einen vollen Terminkalender. Ja, ich habe ein zweijähriges Kind in der Autonomiephase. Und ja, das bekommt spontan die Hand-Mund-Fuß-Krankheit und muss eine Woche zuhause bleibe. Eine Woche Tagespapa und dann das: Auch der erkrankt für eine Woche und in der kündigt der Freistaat Sachsen den harten Lockdown ab nächster Woche an. Die Fremdbestimmung in dieser Situation ist also erstmal nicht körpergemacht.

Im Laufe der Woche meldet sich dieser aber dann doch: Kind betreuen, Essen kochen, arbeiten, Kind beruhigen, imaginären Kuchen essen, etwas arbeiten, Wäsche waschen, irgendetwas kneten, schnell was einkaufen, Entscheidungen fällen, Listen schreiben, Absprachen treffen, war noch was? Achja, duschen wäre mal nicht schlecht.

Am Ende des Tages fühle ich einen Stein im Buckel und reibe Toko-Öl auf meinen Bauch, weil der vor sich hin weht. Ich könnte wieder heulen. Und tu es auch. Und dann sage ich Termine ab und fühle mich deswegen furchtbar.

Mit der Fremdbestimmung Frieden schließen – geht das?

Mein Körper weist mich wieder in seine Schranken. Meine Symphyse schmerzt bei jedem Schritt und ich erinnere mich daran, wie mir klar wurde, dass ich Mutter werde, damals in Marseille. Ich war traurig, freute mich und ich hatte Angst. Und jetzt wird mir bewusst, dass ich bald zwei Kinder habe. Jetzt weiß ich, wie sich Clusterfeeding-Nächte anfühlen. Ich weiß, warum Beckenbodentraining wichtig ist (und wie ich das weiß, Halleluja). Ich kenne die Wut, mit der ich nachts um drei mit dem Baby im Tuch durch die Straßen wandere, in der Hoffnung, dass es dabei endlich einschläft!

Und ich kenne auch die langen Abende, die irgendwann wiederkommen: an denen wir Filme gucken und uns unterhalten können, stundenlang. So, wie wir das brauchen, als Paar. Das wird es bald nicht mehr geben. Erstmal. Die Fremdbestimmung potenziert sich bald. Das wäre auch ohne Lockdown irgendwann ein Thema geworden. Aber so potenziert sich auch die Dringlichkeit daran zu denken, ein bisschen acht zu geben. Auf mich selbst und auf das Baby.

Die Schwierigkeit besteht darin, für mich selbst einen Weg zu finden mich nicht zu verlieren

Manchmal fühlt sich Elternschaft an wie der Film „Es ist schwer ein Gott zu sein“ von Aleksei German, den ich 2016 in der Schaubühne Lindenfels in Leipzig sah. Es waren die unbequemsten drei Stunden meiner cineastistischen Grundausbildung. Ich wollte nur weg. Aber ich konnte nicht – so schwierig und nervenkratzend der Film war, so gut fand ich ihn doch. Manchmal ist es schwer zu sagen, was genau daran jetzt gut gewesen sein soll, sich stundenlang Schleim und Scheiße einer äußerst düsteren Sci-Fi-Rennaissance eines fremden Planeten zu geben. Ohne markierendem Filmorchester. Ohne klassischem Handlungsstrang. Auf russisch. So schwierig ist es oft auch, gewollt kinderlosen Menschen verständlich zu machen, warum es trotz allem schön ist, Kinder zu haben, ohne in Klischee-Sätze abzudriften.

Wer glaubt da noch an das Bild der stets gütigen, geduldigen Mutter? Wer hatte die? Ernsthaft: gestresste Mütter sind doch schon immer die Regel. Die mit der Schürze und den rosigen Wangen kennen wir doch nur von Blechschild-Werbe-Bildern! Heute dürfen und möchten Frauen zusätzlich arbeiten. Viele müssen es einfach, auch wenn sie ihren Fokus liebend gerne nur auf die Familie lenken würden. Egal in welchem Setting: Wir können es niemandem (erst recht nicht uns selbst) recht machen.

Auch ohne Kinder ist eine Frau mit strukturellen Nachteilen belastet, mit Kindern wird es nur noch schwerer

Denn dazu kommen gesellschaftliche Erwartungen und Erwartungen der eigenen Peers. Manche können nicht fassen, wie eine erstmal in einer gluckenartigen Bubble verschwindet und tatsächlich sehr, sehr gerne mit anderen Eltern über das Pro und Contra von Stoffwindeln diskutiert (hi, na). Andere können nicht glauben, wieso es Eltern nicht interessieren könnte, ob der PEKIP- oder der Kanga-Kurs sinnvoller ist. Über die vielgestaltigen Erwartungen, mit denen ich mich als Mutter und schwangere Frau konfrontiert sehe, habe ich schon oft geschrieben: Wie sich das Coaching-Business mit Methoden toxischer Positivität an Mütterlicher Fragilität bereichert zum Beispiel. Oder wie ich persönlich Schuldgefühle entwickle, weil ich die Schwangerschaft nicht genießen kann. Das alles hat mit Ansprüchen zu tun, die ideale Mutterbilder uns vermitteln.

Auch das ist Fremdbestimmung

Nicht nur das Baby verlangt jetzt nach mir und seinem Vater. Das ist gut so und normal – und bleibt ein Leben ähnlich bestehen. Denn genauso verlange ich selbst auch heute nach Zuwendung und Liebe. Bekomme ich die nicht, bin ich unglücklich. Nähe, Liebe, Geborgenheit, Respekt: Das zu verlangen ist nicht zu viel. Ich erkenne sofort, dass es richtig ist, dem Baby (den beiden Kindern) genau das zu geben. Und während ich so viel gebe, mich in die Mutterschaft hineinknie, das gerne tue, kommt mir immer mehr das Gefühl abhanden, respektiert zu werden. Nicht, weil Kinder durchaus rücksichtlos in ihren nächtlichen Eskapaden, täglichen Wutanfällen und monetären Belastungen wirken. Sondern weil trotz all der Arbeit und der Tatsache, dass ich meine Lohnarbeit zugunsten einer künftigen Generation zurückstelle, noch Ansprüche daran gemacht werden, auf welche Weise ich der unbezahlten Arbeit im besten Fall nachzugehen habe.

Ich wünsche mir, als Mensch und nicht allein als Mutter gesehen zu werden

Egal, ob mein Lieblingsthemen gerade Pompoms-basteln oder Content-Marketing sind. Ich will ernstgenommen werden – jedes Elternteil will ernstgenommen werden und nicht wegen Firlefanz gebasht werden. Die Zeiten, in denen die Brustwarzen wund sind und das Zeitmanagement eine Katastrophe ist, gehen vorüber – so viel habe ich durch mein erstes Kind gelernt. Die Fremdbestimmung durch die Gesellschaft hält länger an als die Hand-Mund-Fuß-Krankheit. Anstatt meine mütterlichen Rollenbilder lediglich zu hinterfragen, nehme sie also ernst. Auch, wenn ich einer Arbeit nachgehen will, auch wenn ich Osterküken filze, auch wenn ich Stoffwindeln auskoche, auch wenn ich Kartoffelpüree aus der Tüte mache, auch wenn mein Sohn „Pizza!“ ruft, jedes Mal, wenn es an der Tür klingelt.

Von Joachim Ringelnatz stammt der Spruch:

„Kinder, ihr müsst euch mehr zutrauen! Ihr lasst euch von Erwachsenen belügen und schlagen. – Denkt mal: Fünf Kinder genügen, um eine Großmama zu verhauen.“

Ich will niemanden verhauen. Aber ich bin sicher, es sollten sich noch viel mehr Eltern trauen, alte Rollenbilder nicht nur zu hinterfragen, sondern ernst zu nehmen und zu zerschlagen, wenn nötig. Für ein friedlicheres Miteinander und eine bessere Zukunft. Kinder großzuziehen ist ein Kraftakt von uns Eltern für unsere Gesellschaft, gepaart mit Kulleraugen und unendlicher Niedlichkeit. Es ist anstrengend wie ein russischer Drei-Stunden-Klopper, aber genauso intensiv und fesselnd. Und macht deutlich mehr Spaß, als eine Steuererklärung.


Nach dem emotionalen Tief auf der Toilette im Museum wanderten wir doch noch lange durch die Stadt, fuhren in einer kleinen Touristen-Bimmelbahn und aßen in einem winzigen Restaurant in den Gassen den besten Fisch (ich habe vergessen, welchen). Wir schrieben Karten und hatten zum Nachtisch Ananas mit Schokoladenkuchen. Es war ein sehr schöner Tag.

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