Ich tue mich etwas schwer damit, auf den Punkt zu bringen, warum ich mich schwer tue mit diesem Thema. Gerade komme ich aber zu dem Schluss, dass es daran liegen muss, dass es eigentlich um mehr geht, als „nur“ das Geschwisterkind auf die Hausgeburt vorzubereiten. Es geht auch darum, das alles unter Lockdownbedingungen zu planen und eigentlich geht es zusätzlich darum, auch die Zeit danach zu bedenken. Unter Lockdownbedingungen.

Deswegen habe ich diesen Teil vielleicht etwas lange vor mir hergeschoben. Aber ich denke mittlerweile: So wild ist es auch wieder nicht. Der Junge kennt die Welt nur so, wie sie ist und wir sind seine Eltern und damit diejenigen, die mit der Ankunft des Babys einen kleinen Liebeskummer in ihm auslösen werden. Darum geht es mir – ihn auf die Geburt und alles, was damit zu tun hat, vorzubereiten und dann deren Folgen und den damit verbundenen Liebeskummer aufzufangen. Der Unterschied zu einer Hausgeburt prä-Corona ist vor allem, dass wir unser Dorf nicht so aktivieren können, wie wir wollten, was Unterstützung angeht.

Der Vorteil ist: Wir wissen, was passieren kann und können uns vorbereiten. Der Junge kann das nicht

Also übernehmen wir das für ihn. Mit der Option „Alles findet bei uns daheim statt“ haben wir einen Vorteil, den reine Klinikgebärende nicht haben. Den Heimvorteil nämlich: Im besten Fall (und den wünsche ich mir ganz feste) verläuft alles harmonisch, ruhig und friedlich. Keine Komplikationen und ein großer Bruder, der sich nicht ängstigt oder einfach schläft.

Da Wunsch und Wirklichkeit zwei Dinge mit W sind, die in unserer bisher vermeintlich heilen Welt nie weiter auseinander standen wie seit sehr langer Zeit nicht mehr, bereiten wir ihn also vor. Erstens: auf die Geburt selbst. Und Zweitens: auf das Wochenbett.

Hausgeburt mit Kleinkind – wohin mit dem Kind im Lockdown?

Wie gesagt, am liebsten und ruhigsten wäre es mir, er würde das einfach verschlafen (so wie meine Schwester und ich die Geburt unserer jüngsten Schwester verschlafen hatten – im Nebenzimmer). Aber eine Geburt kann ja auch eine recht lange Anlaufphase haben und dann kommt wieder alles anders. Mögliche Optionen, die wir in der Vorbereitung also durchgehen, sind:

  1. Wehen und Kind kommen tagsüber.
  2. Wehen beginnen tagsüber, Kind kommt nachts.
  3. Es gibt Komplikationen und ich muss verlegt werden während der Geburt.
  4. Die Geburt findet zuhause statt, aber es geht dem Baby nicht gut und es muss selbst ins Krankenhaus.
  5. Es ist kurz vor Geburtsbeginn klar, dass das Kind zuhause nicht kommen darf (überraschende Beckenendlage zum Beispiel, wer weiß).

Unsere Verabredung ist, dass sich Marcus vornehmlich um den Jungen kümmern wird und mir auf diese Weise den Raum verschafft, den ich brauche. Das heißt auch, dass er möglicherweise in der finalen Phase nicht dabei ist, sondern mit dem Kind im anderen Zimmer, wenn es nicht dabei sein möchte oder schlecht schläft. Die Vorstellung, dass die beiden nebenan sind, finde ich schön. Ich finde übrigens die Vorstellung, dass beide mit im Raum sind, auch schön.

Aber im worst case?

Das bedeutet aber auch, dass ich im Falle einer Verlegung alleine ins Krankenhaus müsste. Meine Hebamme dürfte mich bis zur Tür begleiten, aber ab dann wäre ich alleine. Marcus wird in der Zeit von zuhause aus unseren Betreuungs-Backup kontaktieren. Das aber nur je nachdem, wie ernst die Lage ist (Verlegung in Ruhe wegen vorzeitigem Blasensprung oder Tatütata). Dann versucht er, ins Krankenhaus zu kommen. Eventuell darf er sowieso nicht, dann braucht auch niemand für den Jungen kommen. Dann müssen die beiden eben Zuhause zittern. Wir gehen also mal davon aus, dass alles gut wird und es zu keiner Verlegung kommt. Die Geburt findet also wie geplant im Pool in unserem Wohnzimmer statt. Aber wäre ja langweilig ohne Aber …

Kann die Hausgeburt meinem Kind auch angst machen?

Möglicherweise schon. Deswegen verschweigen wir auch nicht, was kommen kann und sprechen viel über das bevorstehende Ereignis. Was haben wir also alles unternommen, damit der Junge versteht, was auf ihn zukommt? Die geneigten Leser*innen wissen schon Bescheid, natürlich haben wir ganz viel gelesen:

Bücher für Geschwisterkinder bei Hausgeburt

Das ist unsere Bücherliste zur Vorbereitung auf die Geburt und auch für die Zeit danach. Ich finde ja, zufälligerweise sehr ausgewogen: Drei Bücher beschreiben die Zeit vor der Geburt und die Geburt selbst sehr anschaulich und kindgerecht. Und drei Bücher handeln von der Zeit danach. Wichtig war mir, ein paar Bücher dabei zu haben, die explizit die Geburt thematisieren und zwar so ehrlich wie möglich. Das schaffen folgende Bücher:

  1. „Klopft da wer“ von Irene Meyer, Dagmar Struck und Betti Wille. Illustrationen von Jacky Gleich. Es handelt sich bei diesem Mini-Heftchen um einen Spin-off des Buches „Fisch und Schokolade“ und widmet sich genauer der Geburt. Es richtet sich offiziell an Kinder ab 6 Jahre, ich fand aber die Bilder und Geschichte so simpel und anschaulich, dass es auch mit einem 2-jährigen Kind gut funktioniert hatte, die Geburt zu besprechen. Die Geburt im heimischen Bett im Vierfüßler ist explizit aber nicht verstörend für Kinder. Mein Sohn hat verstanden, wo das Baby rauskommt und guckt ab und zu zwischen meine Beine und fragt: „Baby kommt?“
  2. „Runas Geburt“ von Uwe Spillmann und Illustrationen von Inga Kamieth. Auch hier dreht es sich um die Geburt zu Hause. Lisas kleine Schwester Runa kommt im Bett und in Rückenlage zur Welt. Ich weiß nicht, warum ausgerechnet so – ist ja eher kontraproduktiv so von Schwerkraft her. Aber manche Frauen empfinden es ja auch als cool und das ist die Hauptsache. Ich mag an dem Buch vor allem, dass die Zeit vor der Pressphase beschrieben wird: Es kann ganz schön dauern, die Mutter wechselt Positionen, ist mal in der Badewanne, mal massiert der Papa ihr das Kreuz. Lisa hat eine Betreuungsperson bei sich und die Hebamme mit ihrem Equipment ist auch am Start. Anschaulich und super, um ins Gespräch zu kommen.
  3. „Hallo Baby, wann kommst du?“ von Lydia Hauenschild und Heike Herold. Dieses Baby kommt auf jeden Fall nicht zu Hause. Die Autorin thematisiert die letzte Zeit vor der Geburt und dann die Hektik, die entsteht, als es losgeht und die Mutter dann zur Geburt den Ort wechselt. Schön sind hier die Darstellung davon, wie das Baby im Bauch liegt, der Besuch bei der Frauenärztin mit dem Ultraschall und zuletzt eine Wochenbettszene.

Lesen ist nicht alles – wie spricht man mit einem 2-Jährigen über das Gebären?

Die Bücher sind vor allem als Gesprächsaufhänger gedacht. Denn ich finde – gemessen an seinem Alter – ist es wichtig ihm zeigen zu können, was eine Geburt ist. Er stellt dazu noch nur wenig fragen und die gehen dann teilweise am Thema vorbei („Mama auch Penis?“ – „Nein, ich habe eine Vulva.“ – heulen). Letzten Endes bin ich dann in den letzten Wochen so vorgegangen:

Show don’t tell

Ich habe ihm aber erklären können, dass eine Geburt sau anstrengend ist und ich dolle mitschieben muss, damit das Baby rauskommt. Und dann habe ich ihm vorgemacht, wie ich getönt habe bei seiner Geburt. Das war dann wirklich lustig irgendwann, wie wir beide auf dem Sofa sitzen und laut tönen. Da in den Büchern nur „Landgeburten“ gezeigt werden, hatte ich ein paar schöne Schnipsel aus meinem Lieblings-Instagram Account gespeichert, in denen Geburten im Pool gezeigt werden – und Geburten, wo Geschwisterkinder zugucken. Die mochte er am liebsten. Auf @badassmotherbirther gibt es eine Reihe sehr schöner IGTVs von denen er ein paar immer und immer wieder anschauen wollte. Als wir den Geburtspool probehalber zum ersten Mal aufbauten, setzte ich mich kurz rein um zu schauen, wie tief wohl das Wasser wäre und als ich aufstand war die Enttäuschung recht groß – kein Baby unten rausgekommen, so ein Ärger.

Toll ist, wie in den Videos 1. alles zu sehen ist – da ist nichts zensiert – und wie 2. auch die Anstrengung und die Lautstärke so individuell wie die gebärenden Personen sind (der Account zeigt Geburten von allen Menschen mit Uterus, nicht nur die Hypnobirthing-Geburten von Cis-Frauen – komplett ohne einen Mucks und umgeben von tausend Kerzen usw.).

Jetzt weiß er jedenfalls, wo das Baby vermutlich (im gewünschten Fall) rauskommen wird und prüft immer mal, wenn ich aufs Klo bin, ob es nicht schon kommen will. Er spricht davon, dass er auch „schieben“ will. Und wenn wir tönen lachen wir uns schlapp. Am wichtigsten ist ihm aber schon noch immer mein Busen: Daraus darf nur das Baby trinken und er nur kuscheln. Dann legt er seinen Kopf auf meine Brust und sagt: „Baby daus trinken, keine Zähne hat!“ – weil ich ihm erklärt habe, dass das Baby keine Brötchen essen kann.

Wie bereiten wir auf die Zeit mit Geschwisterkind vor?

Das letzte der drei „Geburtsbücher“ läutet die Zeit im Wochenbett und danach ein: Dafür habe ich drei Bücher ausgewählt, die das auf unterschiedliche Weise gut ansprechen und das Kind (und ehrlicherweise auch uns) auf die Zeit mit Geschwisterkind sensibilisieren:

  1. „Bleibt der jetzt für immer?“ von Lauren Child. Das Buch ist super. Es handelt von dem großen Bruder, der seinen Einzelkindstatus sehr genossen hat – bevor plötzlich jemand dazu kam. Er kann mit seinem kleinen Bruder so rein gar nichts anfangen und zwar echt ne Weile lang nicht. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem sich das Blatt wendet und die beiden freunden sich quasi an. Es zeigt sehr anschaulich und witzig, wie die erste Zeit einfach echt ätzend sein kann für das große Kind. Und dass es eben eine Weile dauert, bis die Geschwister tatsächlich etwas miteinander anfangen können. Und dann teilen sie eventuell auch mal ihr Jelly Beany miteinander.
  2. „Ich will auch Geschwister haben“ von Astrid Lindgren ist ein Klassiker und slightly outdated was die Rollenverteilung angeht. Der Papa guckt hier nur beim baden zu – wir fügen dann immer mal einen Kommentar ein, wie wir es so machen. Zentral ist aber sicher die echte Eifersucht und daraus entstehende Zerstörungswut und Provokationslust des großen Bruders. Auch hier wieder: Auflösung in Wohlgefallen am Ende, alle werden Freunde und dann kommt irgendwann noch ein Baby dazu.
  3. „Baby ist da“ von Danielle Graf und Katja Seide, den Autorinnen des „Wunschkind“-Blogs. Das Buch ist pädagogisch wohl das stimmigste, verzichtet auf eine Storyline ist aber dafür sehr gut geeignet für so kleine Knirpse wie den meinen. Wenig Text und aussagekräftige Illustrationen bewirken automatisch, dass eine Unterhaltung zum Thema entsteht.

Noch geht es uns ja eher um die Vorbereitung auf das, was kommen mag. Der Junge interessiert sich aber eher für das, was er schon kennt. Das heißt: sein Interesse an den Geschwisterbüchern hält sich einigermaßen in Grenzen – abgesehen von „Bleibt der jetzt für immer“: er spricht öfter mal von den Jelly Beans und benennt im Buch die Spielzeuge. Aber die Geschwisterkonstellation juckt ihn noch nicht.

Ich denke trotzdem, dass es gut ist, die Themen bereits griffbereit und wieder zum aufwärmen im Bücherregal bereit stehen zu haben. Flammt die Eifersucht auf, haben wir eventuell das Wasser bereits ein bisschen aufwärmen können, in das wir ihn durch die Geburt stoßen. Das Thema ist nicht komplett neu. Das Gefühl seines Liebeskummers werden wir dadurch sicher nicht abmildern können. Aber wir haben adressiert, was uns wichtig ist: er nämlich. Uns ist wichtig, dass er merkt, dass wir ihn weiterhin sehen, auch wenn noch jemand dazu gekommen ist.

2 replies on “Geburtsvorbereitung Teil 3: Hausgeburt mit Geschwisterkind

    1. Ich gehe einfach mal davon aus, dass es für ihn hart sein wird, nicht mehr das Einzelkind zu sein. Wenn er komplett cool damit ist, dann nehme ich das gerne an. Aber für den Fall der Fälle bin ich lieber vorbereitet 😉

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