Sollen wir mit materiellen Dingen aufwarten, um den Schmerz des Jungen zu lindern, nicht mehr Nummer Einzig zu sein? Mein erster Impuls war: auf keinen Fall! Was soll das denn schon bedeuten? Hey guck, alles halb so wild, dass Mama jetzt permanent müde und dauerstillend mit einem Säugling im Bett liegt und kein Krankenhaus für Tiere bauen will, nimm diesen Bagger, ciao.

Liebe lässt sich doch nicht kaufen!

Viel wichtiger ist es, dass mein Kind weiß, dass ich es liebe – ohne, dass es die Bestätigung durch Geschenke benötigt. Dann aber habe ich etwas gelesen und weitergedacht. Ich bin von folgendem Umstand ausgegangen:

„Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, die Aufmerksamkeit von geliebten Menschen zu erhalten, damit entsprechende Opioide im Gehirn ausgeschüttet werden. Die positive Wirkung von Zuwendung und Aufmerksamkeit entfaltet sich sogar ohne Beteiligung des bewussten Denkens oder Ich-Bewusstseins, also auch bei Säuglingen.“

D. Graf & K. Seide: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Das Geschwisterbuch. Beltz Verlag 2020

Und Säuglingen sind neue Duplosteine auch herzlich egal.

Es gebe fünf Arten von Aufmerksamkeit, so Graf und Seide weiter: Körperkontakt, positive Rückmeldung, ungeteilte Zuwendung, kleine Geschenke und Hilfe. Alle Arten von Aufmerksamkeit haben für Kinder einen bestimmten Stellenwert. Die wichtigste jedoch sei die ungeteilte Zuwendung, also die „exklusive Aufmerksamkeit“. Ist der Speicher der Kinder nämlich nicht aufgefüllt, zeigen sich die gängigen Anzeichen von Unzufriedenheit beim großen Geschwisterkind. Obwohl ich also denke, ich habe meinem Kind nun genügend Hilfe angeboten, mit ihm gespielt oder ihm etwas neues zum Spielen gegeben ist es schnell wieder im Quängelmodus. Besser ist es doch, wenn der Speicher so gut gefüllt ist, dass es die Durststrecken mit dem Neugeborenen lockerer überbrücken kann.

Also: keine Geschenke, dafür aber ganz viel Exklusivzeit?

Ist auch Quatsch, so lerne ich im Buch. Denn das Bedürfnis nach „Gesehenwerden“ muss im Alltag wirklich gestillt werden. Nicht durch tolle Ausflüge, sondern zum Beispiel durch die Gespräche auf dem Weg dorthin. Anderes Setting, aber wer erinnert sich nicht daran: Der Ausflug an einen bestimmten Ort bleibt nicht wegen der phänomenalen Aussichtsplattform in Erinnerung, sondern wegen des unerwartet tiefgründigen Gesprächs mit der Sitznachbarin im Zug.

Es geht also um die kleinen Momente ungeteilter Aufmerksamkeit und gemeinsamen Lachens – nicht um die großen Gesten

Das ist derzeit fast einfacher, wir können sowieso weder Zoo noch Schwimmbad besuchen. Wir haben nur uns und den 3 ZKB-Alltag, in dem nicht mal fröhliches Kommen und Gehen von Freund*innen und Familie möglich sein darf. Ein bisschen Abwechslung schadet unter den Umständen nicht, finde ich. Eine kleine Kiste mit ein paar besonderen Dingen zu packen für ein bisschen Abwechslung und um einen „Aufhänger“ für gemeinsames Spielen zu haben, finde ich umso attraktiver, je mehr ich darüber nachdenke.

Denn mein Sohn ist sehr kuschelig und sucht viel Nähe. Auch fast ein Jahr nachdem ich abgestillt habe, schmiegt er sich vorzugsweise an meinen Busen, zieht meinen Ausschnitt runter und atmet tief ein, gibt mir viele kleine Küsschen. Ich muss sagen: Ich liebe das! Ich weiß, für manche ist Tandemstillen eine Option, um den Exklusivitätsverlust abzumildern. Das kommt für mich nicht in Frage, es entsteht bei mir ein beklemmendes Gefühl von körperlicher Dauerbelagerung. Belagert und isoliert, weil Besuche von Freund*innen im verlängerten Lockdown nicht möglich sind? Hell no!

Um das Nähe- und Aufmerksamkeitsbedürfnis des Säuglings mache ich mir unter dem Aspekt des eingangs erwähnten Zitats weniger Sorgen. Wenn ich also die positive Zuwendung durch das Stillen, Tragen und Trösten ohne Beteiligung bewussten Denkens erwirke, kann ich während des Stillens auch andere Dinge tun: zuhören, vorlesen, spielen – sofern ich dafür nicht beklettert werde.

Ein bisschen Hilfestellung hätte ich trotzdem gern

Zu geistigen Sonderleistungen war ich vor allem in der Anfangszeit des Stillens mit meinem Sohn nicht in der Lage. Ich hatte da vor allem eines: Durst.

Dann erwähnte die Hebamme in meinem Geburtsvorbereitungskurs am Rande den Stillkorb fürs Geschwisterkind. Die Idee, die dahinter steckt ist simpel. Das große Kind soll in der Zeit, in der ich – schon wieder – stille, nicht das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein. Es darf in diesen Situationen in den Korb greifen dürfen, um etwas zum spielen rauszuholen. Der Korb verschwindet danach aber wieder. So assoziiert das Kind mit dem Stillen etwas Positives, bei dem ich im besten Fall (so eingeschränkt wie es nunmal möglich ist) sogar mitmachen kann.

Ein Stillkorb als Lösung um materielle und „echte“ Aufmerksamkeit zu verbinden

Der Korb ist natürlich gefüllt mit kleinen Geschenken, von denen ich aber nicht alle auf einmal in den Korb legen werde. Von den weiter oben genannten fünf Bereichen der Aufmerksamkeit sind einige der „weniger wichtigen“ damit also abgedeckt („kleine Geschenke“, „positive Rückmeldung“, je nachdem auch „Hilfe“). Es ist aber nicht mein Ziel, Schlagwörter abzuhaken. Ich sehe diese Kleinigkeiten als ein paar bunte Besonderheiten im Alltag, aber auch als Aufhänger für gemeinsames Spielen und Entdecken. Einerseits dienen sie der Ablenkung. Denn je nach Stimmung mögen die Kleinigkeiten dafür sorgen, dass sie den Jungen still beschäftigen. So kann ich daneben in Ruhe stillen, ich weiß ja noch nicht, wie bastelig es diesmal am Anfang wird.

Er bleibt aber eben erst großzügige zwei Jahre alt, er will gar nicht so häufig alleine spielen. Der Zweck heiligt auch dabei die Mittel. Wenn es mir nicht möglich ist, dem Kind die 100% Aufmerksamkeit zu geben, die ich vorher eher im Stande war, muss ich passiv kreativ werden. Das „Verlustgeschäft großer Bruder werden“ kann ich nicht wieder wett machen. Er wird nie wieder Einzelkind sein, so ist das. Aber ich möchte ihm dennoch zeigen, dass ich ihn darüber hinaus natürlich noch sehe und liebe! Ich gebe ihm also materiellen Klimbim zum Spiel, an dem ich mich einigermaßen beteiligen kann, ohne mich geistig zu überfordern und ohne ihn direkt eine Sauerei im Wochenbett veranstalten zu lassen.

Stillkorb für Geschwisterkinder
Stickeralben, was zu lesen, was zum puzzlen und Kleinigkeiten in den Beuteln – da ist sicher was dabei für den Jungen.

Er bekommt also keinen geilen Bagger und auch kein Pony

Wir entscheiden uns kapazitätentechnisch für kleine Spiele, die der Junge alleine, zusammen mit Marcus – aber eben auch mit mir, wenn ich gerade stille, spielen kann.

Nur – je näher der Termin rückt, je ungeduldiger ich werde, desto mehr Zeit verbringe ich auch damit, mir noch mehr auszudenken. Ein besonderes Geschenk – nur eines – dachte ich, möchte ich meinem Kind trotzdem noch machen. Es sollte aber folgende Kriterien erfüllen: Es soll hübsch sein und unterhaltsam, es sollte immer wieder für Gesprächsstoff sorgen und es sollte meinem Sohn zeigen, dass wir ihn lieben. Ohne einfach nur fancy zu sein. Die Lösung wurde mir (ich weiß, ich muss auch auf meine Bildschirmzeit achten) in Form irgendeiner Werbung durch den Feed gespült:

Ein Fotobuch

Da wir es in zwei einviertel Jahren Elternschaft nicht schafften, ein Fotoalbum für den Jungen zu bekleben, war das jetzt der Anlass. Ich habe ein ganz simples kleinformatiges Fotobuch bestellt. Darin habe ich nur Bilder vom Ende der Schwangerschaft über den Tag der Geburt bis zum ersten Geburtstag meines Erstgeborenen aufgenommen.

Fotobuch Geschenk für Geschwisterkinder

Ich habe alle typischen Situationen versucht abzubilden: Das schrumpelige Tomas Espedalchen, das er anfangs war, alle Verwandten, die ihn zum ersten Mal hielten, Stillen, die Katze, wie sie angepisst guckt, er mit seiner ersten Banane, seine ersten Schritte und sein Geburtstag. Das Büchlein ist robust und hält ruppigen Kleinkinderhänden hoffentlich eine Weile stand. Ich werde es noch hübsch verpacken und dann verschenken, wenn das Baby da ist. Was hoffentlich heute noch passiert.

Nein, Spaß, eines meine Mantren ist doch: „Mein Baby weiß genau, wann es kommt.“ Gleich neben (man stelle sich die gemeine Nordhessin vor, die ich im Herzen immer bleibe): „Reech dich net so uff.“

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